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Neues aus der Forschung: Schmerzen

07.09.2016

Autor(en): 

Schmerzen beim Rennradfahren. Neues aus der Forschung

Schmerz lass nach!

Rennradsport und Schmerzen gehören irgendwie zusammen. „Im Radsport wirst du bezahlt, damit du anderen Leuten wehtust“, sagte einst Jens Voigt. Recht hat er. Doch wie wirkt der Schmerz, was sind seine Ursachen und kann man die eigene Wahrnehmung von Schmerzen ändern? Ein Einblick.

Der gute Schmerz?

Schmerzen sind leistungsmindernd, das ist logisch. Oder? Um diese Frage zu beantworten, wurden bereits einige Studien durchgeführt. In einem Experiment der Universität von Wisconsin wurde das starke Schmerzmittel Fentanyl in die Wirbelsäulen von Radsportlern gespritzt, um das Schmerzempfinden der unteren Extremitäten komplett zu blockieren. Eine zweite Gruppe erhielt ein Placebo, dann traten beide Gruppen zu einem fünf Kilometer langen Zeitfahren an. Ergebnis: Es gab keine Leistungsverbesserungen durch das blockierte Schmerzempfinden. Die Probanden jener Gruppe gingen das Zeitfahren signifikant schneller an, jedoch verloren sie diesen Vorsprung wieder, da ihnen die „Luft ausging“. 

 

Training der Psyche

Dies impliziert, dass die Leistung im Radsport nicht nur durch physische Faktoren wie etwa die Laktatanhäufung begrenzt wird, sondern auch durch die psychische Komponente, vor allem den Schmerz. Es geht also um das individuelle Schmerzlevel, das ein Sportler über längere Zeiträume hinweg ertragen kann. Eine höhere Schmerztoleranz würde demnach eine höhere Leistung möglich machen. Die spannenden Fragen sind nun: Ist die Schmerztoleranz trainierbar? Und wenn ja, mit welchen Trainingsinhalten und in welchem Umfang?

 

Schmerzempfinden beim Rennradfahren

Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass bis zu 50 Prozent des individuellen Schmerzempfindens genetisch determiniert ist. Aber: Dennoch ist die Schmerztoleranz durch Training zu beeinflussen. Am King’s College London wurde durch Studien mit eineiigen Zwillingen gezeigt, dass diese trotz ihrer identischen Gene unterschiedliche Schmerzschwellen haben. Forscher der Universität Ulm verglichen 2013 die Schmerztoleranz von Ultra-Ausdauerläufern mit denen von Nicht-Athleten. Das Studiendesign: Die Probanden sollten ihre Hände möglichst drei Minuten lang in Eiswasser halten und dabei auf einer Skala von eins bis zehn den Grad ihrer Schmerzen benennen. 

Ergebnis: Die Nichtsportler konnten die kältebedingten Schmerzen für durchschnittlich 96 Sekunden ertragen und gaben das maximal mögliche Schmerzlevel der Skala an: zehn. Von den Ausdauerathleten dagegen hielten alle Probanden die vollen drei Minuten lang durch – und gaben danach ein Schmerzlevel von nur sechs an. Es spricht also sehr viel dafür, dass regelmäßiges Ausdauertraining die subjektive Schmerztoleranz beeinflussen kann.

 

Leistungsfaktor

In einer anderen validen Studie, die an der Universität von Kent durchgeführt wurde, ging es um die Effekte eines reduzierten Schmerzempfindens auf die Leistung. Den Athleten wurde entweder das Schmerzmittel Acetaminophen oder ein Placebo verabreicht. Danach absolvierten die trainierten Radsportler ein 16 Kilometer langes Zeitfahren. Ergebnis: Im Vergleich zur Placebo-Bedingung fuhren die Probanden unter Schmerzmitteleinfluss signifikant schneller. Zudem wurden in diesem Fall höhere Wattzahlen geleistet. Auch die durchschnittliche Herzfrequenz sowie die Blutlaktatwerte waren signifikant höher. Trotz der erhöhten Leistungsfähigkeit empfanden die Athleten dieselben Schmerzlevel wie mit dem Placebo. 24 gesunde Probanden nahmen an einer Studie der australischen University of New South Wales teil. Eine Gruppe absolvierte ein sechswöchiges Ausdauertrainingsprogramm, das aus drei wöchentlichen 30-minütigen Radeinheiten bei 75 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme bestand. Ergebnis: Neben der aeroben Ausdauer nahm auch die Schmerztoleranz der sporttreibenden Probanden signifikant zu.

 

Schlussfolgerungen

Die Studie der Universität Wisconsin zeigt, was etliche andere Untersuchungen an Athleten auch zeigten: Der Schmerz bei intensiven körperlichen Leistungen ist eine notwendige Empfindung. Er ist ein Feedback, anhand dessen der Körper die Belastung steuert. Schmerz ist ein Gefühl, eine Emotion, ein Zustand. Die Schmerzsignale, die von den Nerven übertragen werden, sind nötig, um die erforderlichen Anpassungen des Körpers hervorzurufen: Sie signalisieren dem Organismus etwa die Atemfrequenz und -tiefe zu ändern, so dass mehr Blut und damit Sauerstoff zu den arbeitenden Muskeln transportiert werden kann. Andere Studienergebnisse suggerieren, dass mit dem Trainingslevel auch die Schmerzresistenz steigen kann - und damit im Enddefekt auch die sportliche Leistung.

 

 

Quelle: 

Foto: Cor Vos

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