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Weshalb Radfahrer in Deutschland keine Lobby haben

05.03.2018
Auto-  gegen Radfahrer

Auto- gegen Radfahrer

Der Anteil der Radfahrer unter den Verkehrstoten in Deutschland steigt. Alle 22 Stunden stirbt auf Deutschlands Straßen ein Radfahrer, alle 36 Minuten wird einer verletzt. Warum ist das so? Warum wird es in Kauf genommen?

Diese Frage kann mit einem einzigen Blick beantwortet werden. Dem Blick auf die Titelseite der Zeitschrift „AutoBild“ aus dem Oktober 2017. Die Titelzeile lautet: „Die Radfahrer spinnen.“ Darunter steht, ebenfalls in großer Schrift: „Sie treten, spucken, pöbeln. Sie rasen ohne Helm und Licht. Sie klauen uns die Straße. Sind Radfahrer wichtiger als wir Autofahrer?“

Kampagne gegen den Radverkehr

Diese Zeilen sind alles, was Journalismus nicht sein darf: populistisch, pauschalisierend, rein subjektiv, wertend, hetzend. Warum schreibt sie die AutoBild-Redaktion dann? Weil sie es kann. Weil es keine relevanten Konsequenzen hat. Weil die Radfahrer in Deutschland so gut wie keine politische Lobby haben. Die AutoBild hat eine Druckauflage von rund 560.000 Exemplaren. Über ihre Schwesterblätter sagte einst Kanzler Schröder, dass er zum Regieren „nur Bild, BamS und Glotze“ brauche. So viel zur Macht des Springer-Verlages, dessen Grande Dame Friede Springer als Duz-Freundin der Kanzlerin gilt. Nun muss man sich fragen: Ist ein solcher Titel ein „Unfall“? Oder Teil einer Kampagne? Und vor allem muss man sich – wie immer – die Frage stellen: cui bono?

Wem nützt es? Den Anzeigenkunden des Magazins, den Autoherstellern? Dem Verband der Automobilindustrie? Sollte nach der Bundestagswahl vielleicht medialer Druck erzeugt werden, bevor in den Koalitionsverhandlungen über das Thema Radverkehr und -infrastruktur gesprochen wurde? Man kann nur spekulieren.

Radfahrer als Opfer

Fakt ist: Zwischen 2006 und 2015 starben in Deutschland 4148 Radfahrer, mehr als 750.000 wurden verletzt. Die Zahl der Verkehrsunfälle fällt seit 2010 – die der verletzten Radfahrer steigt. Fahrradunfälle geschehen im Minutentakt. Laut ADFC sind in rund 75 Prozent der Fälle Kraftfahrer die Verursacher. Die Hauptursachen: Vorfahrt-Missachten, Autotür-Öffnen ohne sich umzublicken, zu enges Überholen.

Was zudem fest steht: Mit seriösem Journalismus hat ein solcher Titel nichts, aber auch gar nichts zu tun. Es scheint, als seien die Zahlen der Unfallstatistik manchen Menschen nicht hoch genug. Wenn ein Magazin wie AutoBild ein solches Cover bringt, dann verstößt dies nicht nur gegen jeglichen journalistischen Anstand und jede Regel des Handwerks, sondern ist viel mehr, viel schlimmer: Es ist gefährlich.

Legitimation der Aggression

Eine gesellschaftliche Gruppe wird gegen eine andere aufgehetzt. Dabei überschneiden sich die Gruppen: Fast jeder Rad- ist auch Autofahrer. Nach einer Schätzung des ADFC fahren 50 der rund 81 Millionen Einwohner Deutschlands auch Fahrrad, rund elf Millionen davon täglich. Wer jedoch hinter dem Steuer latente Aggressionen hat – oder wer nie selbst aufs Fahrrad steigt, sondern Radfahrer nur als nervende, bremsende Hindernisse auf den Straßen sieht – der wird sich durch eine solche „Berichterstattung“ bestätigt fühlen. Solche Zeilen könnten als Legitimation zur Aggression verstanden werden.

Das ist die Gefahr. Als Konsequenz könnten nicht wenige Autofahrer, die bislang statt der vorgeschriebenen 1,5 Meter vielleicht mit einem Meter Abstand Radfahrer überholten, noch weniger Abstand lassen. Es stand ja in der Zeitung, dass Radfahrer „rasen“, „spucken“, „pöbeln“, kurz: an allem schuld sind. „Wir“ gegen „die“. Dies ist die unterste Schublade des Kampagnen-Schreibens.

Deutschland ist eine Auto- und keine Fahrradnation

Man stelle sich einmal vor, eine große Zeitung würde auf ihrer Titelseite eine andere gesellschaftliche Gruppe dermaßen angreifen. Die Redakteure würden ob dieses populistischen Pauschalisierens medial gekreuzigt werden. Doch was geschah in diesem Fall? Der ADFC und einige Radfahrer reagieren empört. Das war es.

Deutschland ist Autoland. Wobei man selbst hier die Frage stellen muss: Wie lange noch? Denn die schnelle Umstellung auf Elektroautos ist politisch gewollt. Dann, nachdem die wichtigste Industrie des Landes ihren technischen Vorsprung verloren hat, steht hinter der Zukunft des deutschen Automobilbaus ein großes Fragezeichen. Mehr als 600.000 Arbeitsplätze sind einer Studie zufolge gefährdet. Im Oktober hat unterdessen ein Sturm namens „Xavier“ wieder einmal gezeigt, dass Deutschland „das Land der kaputtgesparten Bimmelbahn“ ist (Zitat Süddeutsche Zeitung).

Der Bahnverkehr in weiten Teilen Norddeutschlands war tagelang lahmgelegt. Große Abschnitte des ganzen Schienennetzes sind marode, die Bahn fährt seit Jahrzehnten auf Verschleiß. Warum? Weil es anscheinend politisch so gewollt ist. Sonst würde der Bahn nicht auferlegt, jährlich 500 Millionen Euro Dividende an den Bund abzuführen, statt diese ins Schienennetz zu investieren. Hierzulande liegen die Pro-Kopf-Investitionen in das Netz bei 64 Euro jährlich – in der Schweiz bei 378 Euro.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Das Bundesland Hessen investiert stattdessen rund 51 Millionen Euro Steuergelder in den öffentlichen Nahverkehr. Nur eben nicht für die Allgemeinheit. Sondern dafür, dass seine Beamten und andere öffentlich Angestellte „gratis“ Busse und Bahnen nutzen können. Eine mehr als diskussionswürdige Entscheidung in einer Zeit der prekären Beschäftigung. Einer Zeit, in der fast jeder zweite in 2016 Neueingestellte nur einen befristeten Vertrag erhielt. Einer Zeit, in der klar berechnet ist, dass 2030 jeder fünfte 67-Jährige von Altersarmut bedroht sein wird.

Beamte müssen dagegen nicht privat vorsorgen, denn ihr Pensionsniveau liegt bei bis zu 71 Prozent des letzten Verdienstes. Schon 2014 wurde aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes klar: Beamte im Ruhestand verfügen im Durchschnitt über das höchste Nettovermögen im Land. Mit rund 300.000 Euro ist es mehr als doppelt so hoch als das eines durchschnittlichen Rentners (127.000 Euro) – und sogar deutlich höher als das von Selbstständigen (257.000 Euro). So viel zum Thema „Gerechtigkeit“.

Dieses Wort scheint inzwischen ebenso ein inhaltsleerer Kampfbegriff zu sein wie: „Saubere Luft“, „Umweltschutz“, „Nachhaltigkeit“. Dies sind einige der Lieblingsbegriffe vieler Politiker. Nur folgen, seit Jahrzehnten, keine Taten. Geld, Infrastruktur und Sicherheit für Rad und Schiene – manche Lösungen sind eben doch einfach. Nur wollen sie die Entscheider offenbar nicht.

Option für die Zukunft

Radfahren ist die Zukunft des Stadtverkehrs. Das muss es sein – aus etlichen Gründen. Hier einige Stichworte: C02, Feinstaub, Infrastrukturverschleiß, Stau, Bewegungsmangel-Krankheiten. Allein die Kosten der beiden letztgenannten Probleme verursachen Schätzungen zufolge einen wirtschaftlichen Schaden von rund 520 Milliarden (bis zum Jahr 2030) beziehungsweise rund 40 Milliarden Euro jährlich. Dennoch haben Radfahrer in diesem Land kaum eine Lobby. Wie eine Infrastruktur aussehen muss, die ein sicheres Radfahren ermöglicht, sieht man in unseren Nachbarländern, in Kopenhagen oder Amsterdam zum Beispiel. In Deutschland wurde Anfang 2016 die Verlautbarung medial bejubelt, dass man 25 Millionen Euro in „Radschnellwege“ investieren wolle. Was laut Schätzungen des ADFC für ganze 15 bis 20 Kilometer Radwege ausreicht.

Die Nachbarländer machen es uns vor

Zum Vergleich: Allein die Stadt Paris will in fünf Jahren 500 Millionen, London in zehn Jahren eine Milliarde Euro in den Radverkehr investieren. In Kopenhagen kam im Jahr 2012 ein einziger Radfahrer ums Leben. Zwischen 1998 und 2012 gab es dort laut Statistik­amt in keinem Jahr mehr als sieben getötete Radfahrer. Und das in einer Stadt, in der die Einwohner jeden Tag rund 1,3 Millionen Kilometer mit dem Rad zurücklegen. In Kopenhagen und vielen anderen Städten konnte ein Safety-in-Numbers-Effekt festgestellt werden: Steigt die Zahl der Radfahrer in einer Region, verringert sich deren Unfallrisiko signifikant. In der Hauptstadt Dänemarks ist das Unfall-Risiko für Radfahrer in 15 Jahren um mehr als 70 Prozent zurückgegangen.

Auch Fahrrademetropolen waren einst Autostädte

Warum ist das so? Weil die Menschen es so wollten und wollen. Auch Fahrrad- waren einst Autostädte. In den Niederlanden kam es zu Massenbewegungen gegen die Verkehrsgefährdung von Kindern, in Dänemark war der Protest gegen den Bau einer Autobahn durch eine Seenlandschaft nahe Kopenhagen einer der Umkehr- und Umdenk-Punkte. Und – oh Wunder aus heutiger Sicht: Die Politiker hörten auf die Wünsche der Bürger. In Teilen Nordeuropas begann ein Umdenken in der Verkehrsplanung und -politik. Nicht mehr die Menschen, die Fußgänger, Radfahrer, Kinder mussten sich an den motorisierten Verkehr anpassen. Sondern dieser wurde an die Bedürfnisse der Menschen angepasst.

Das Ergebnis: weniger Tote und Verletzte, weniger Umweltverschmutzung, gesündere Menschen, eine sauberere Luft, eine hohe Lebensqualität und Zufriedenheit. So zeigten etwa dänische Forscher in einer Studie mit 30.000 Teilnehmern, dass Nicht-Radfahrer – auch nach dem Ausschluss von Störvariablen – eine um fast 40 Prozent höhere Sterblichkeit aufwiesen als Rad-Pendler. Radfahren verlängert – und bereichert – das Leben.

Aufwachen!

In Deutschland steigt – in kleinerem Maßstab parallel zu den explodierenden Miet- und Immobilienkosten – unterdessen die Zahl der Berufs-Pendler, die Wege von und zur Arbeit werden länger, die Lebensqualität wird dadurch negativ beeinflusst. 60 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten nicht in der Gemeinde, in der sie leben. Der durchschnittliche Weg zum Arbeitsplatz stieg zwischen 2000 und 2015 von 14,6 auf fast 17 Kilometer. Die logischen Konsequenzen: mehr Staus, mehr volkswirtschaftlicher Schaden, mehr Abgase, mehr Infrastrukturverschleiß, mehr verlorene Lebenszeit, mehr verbrachte Zeit in sitzender Position hinter dem Steuer oder auf Sitzbänken, mehr Bewegungsmangel-Folgeerkrankungen, mehr psychische Probleme. Dass man einer solchen Entwicklung entgegensteuern kann, haben unsere Nachbarländer gezeigt. Da es die Politik sicher nicht von sich aus tun wird, bleibt nur einer übrig: der Souverän. Die Bürger. Durch Proteste, Druck, durch ein Ende des neuen Biedermeiers, der vorherrschenden eingelullten Apathie.

Empathie und Verständnis

Es gilt aufzuwachen. Und aufeinander zuzugehen. Natürlich gibt es auch unter den Radfahrern einzelne Idioten – wie in jeder Gruppe, wie überall – die Verkehrsregeln ignorieren. Deshalb finden auch jeden Sommer mediale Kampagnen gegen „Kampfradler“ und „Radl-Rowdys“ statt. Dies dermaßen zu pauschalisieren, ist unverantwortlich. Ein Radfahrer hat keine Knautschzone, keinen Airbag, keinerlei Schutz. Sein einziger Schutz ist Übersicht, Vorsicht – und die gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer. Diese ist in Deutschland ohnehin eher gering ausgeprägt. Eine mediale Kampagne wie die der AutoBild kann dazu beitragen, sie noch weiter zu zerstören. Sie zerstört Verständnis und Empathie, statt sie zu fördern. Sie eint nicht, sie spaltet.

Quelle: 

RennRad-Magazin (Ausgabe 1/2018), Text: David Binnig (Chefredakteur), Foto: ADFC

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