Race



Team MTN - Qhubeka: Mandelas Märchen

30.10.2015

Die Menschen jubeln, wenn man hupt. Sie wollen es so. Dies ist kein Traum und erst recht nicht das reale Leben, dies ist die Realität um 180 Grad gedreht. Dies ist die Tour.

Wir fahren auf gesperrten Straßen durch das Tal der Tarn. Es hat 34 Grad, direkt neben dem schmalen Asphaltband fließt der Fluss durch seine tiefe Schlucht, grünblaues Wasser, Kiesbänke, hundert Meter hohe Kalksteinwände, fast keine Häuser. „Wildromantisch“ würde der Autor eines schlechten Reiseführers dieses Tal nennen. Die Menschen stehen überall, seit Stunden. Sie klatschen, wenn sie unser Auto sehen. Es ist weiß, mit schwarzen Streifen und gelben Aufklebern und einem Radträger auf dem Dach. Es ist ein Renndienstwagen des Teams MTN-Qhubeka. Eine halbe Stunde nach uns wird das Feld der Tour de France durch dieses enge Tal rasen.

Die schmale Straße führt immer am Fluss entlang, durch kleine Öffnungen, die in den Fels gesprengt wurden. 

Abenteuerspielplatz

Wir erleben eine der landschaftlich schönsten Strecken der Rundfahrt. Im Wagen läuft der Tour-Funk des Teams. Manager Brian Smith spricht zu seinen Fahrern. Einer seiner, nein, „unserer“ Jungs fährt in der Spitzengruppe. Ich schaue auf das Roadbook auf dem Armaturenbrett. Die 14. Etappe durch das Zentralmassiv endet mit einem drei Kilometer langen Anstieg – 40 Kilometer vor dem Ziel in Mende wartet dann eine noch schwerere Hürde, ein sieben Kilometer langer Berg inklusive Bergwertung.

Unser Mann vorne ist vieles, aber kein Bergfahrer. Stephen „Steve“ Cummings. Neben den Leichtgewichten Romain Bardet oder Thibaut Pinot, die in seiner Gruppe fahren, sieht er aus wie ein Preisboxer. „Achte auf Steve“, sagt Veit neben mir. „Der ist stark. Der hat sich diese Etappe ausgesucht.“ Veit muss es wissen, er ist Pressesprecher von MTN-Qhubeka. Der vierte Deutsche im aktuellen Team – neben dem Sportlichen Leiter Jens Zemke und den beiden Profis Gerald Ciolek und Andreas Stauff. MTN-Qhubeka ist ein südafrikanisches Team, es gehört nicht zu den großen WorldTour-Teams, es hat eine Wildcard für die Tour erhalten. Heute ist der 18. Juli, Mandela-Day, der Geburtstag des Friedensnobelpreisträgers Nelson Mandela. Wir sind auf dem Weg zum zweithöchsten Anstieg des Tages, er führt aus dem Tal der Tarn, das wie eine andere Welt wirkt. Oder wie ein natürlicher Abenteuerspielplatz. Zurück in die Wirklichkeit. Zwei, drei Mal halten wir an, vor allem dort, wo viele Kinder stehen, und verteilen Sticker. Wie wenig es braucht, um Menschen glücklich zu machen.

Frankreich und sein Präsident 

Es geht durch ein kleines uraltes Dorf, kleine Häuser aus schmalen grauen Natursteinen, eine graue Natursteinbrücke, darunter das wilde Wasser. Dahinter beginnt der Berg. Der schmale Weg schraubt sich in langen Serpentinen aus dem Tal. Oben verliert er an Steilheit. Die Menschen werden zahlreicher, sie stehen hier in Dreierreihen – obwohl die nächste Stadt weit ist. Ich ziehe ein MTN-Qhubeka-Trikot an und setze eine Teammütze auf. Wir schrauben die Deckel der Trinkflaschen ab und klemmen Powergels darunter. „Nachher“, sagt Veit, „ist es wichtig, dass du die Flaschen so reichst, dass das Gel nach hinten zeigt. So ist es für den Fahrer einfacher, die Flasche zu greifen.“ 

Ein paar Väter fragen, ob sie eine der Flaschen bekommen könnten. Für ihr Kind oder für sich selbst. Wenn am Ende welche übrig sind, klar. Auf einigen Flaschen ist ein Kreuz markiert, es ist Kohlenhydratpulver darin. Andere tragen Namen desjenigen, für den sie bestimmt sind. Jacques, Serge, Steve. Hinter mir stehen die Helfer des Teams Trek, vor mir die von Bora, neben mir eine französische Großfamilie. Die Erwachsenen trinken Roséwein aus einem Dreiliter-Tetrapack. Sie würden gerne ein paar Gläser gegen eine Trinkflasche tauschen. Wasser zu Wein. Dann kommt der Präsident. François Hollande schwebt im Hubschrauber über das Renngeschehen. Als der Lärm vorüber ist, kommen die Motorräder, dann die Offiziellen in ihren Wagen, dann zehn Minuten lang nichts. Dann wieder Gendarmerie auf Motorrädern – und dahinter: die Spitzengruppe. Ich starre und sehe nichts, suche verzweifelt nach einem schwarz-weiß gestreiften Trikot. Steve fährt ganz am Ende der Gruppe. Er nimmt eine Flasche von Veit, er sieht mich, und greift nach der Flasche, die ich neben mir halte.

Mein Puls ist in einem Bereich jenseits der anaeroben Schwelle. Aber die Angst vor der Schande, die Flasche fallen zu lassen, hat mich nicht gelähmt. Sechs Minuten später kommt das Feld. Oder was davon übrig ist. Alles geht so schnell. Daniel Teklehaimanot nimmt eine Flasche von mir. Der Mann aus Eritrea, der als erster Afrikaner ein Wertungstrikot der Tour trug. In der ersten Rennwoche war er im rotgepunkteten Trikot des besten Bergfahrers unterwegs – und wurde zum eritreischen Nationalhelden. 

Die deutschen Zeitungen fragten: „Sehen wir bald den ersten Tour-Sieger aus Afrika?“ MTN-Qhubeka arbeitet daran. Das Team entwickelt Talente. Bei der Tour sind auch Louis Meintjes und Merhawi Kudus dabei, 23 und 21 Jahre alt, der eine aus Südafrika, der andere aus Eritrea. Sie sind jung, sehr schmal, sehr leicht, sehr schnell am Berg – sie sind die Zukunft des afrikanischen Radsports. 

Tour-Alltag

Der Schlusswagen kommt. Es wird hektisch. Zum Wagen rennen, die Zuschauer verscheuchen, in den Tross einfädeln, überholen. Im kleinen Autofernseher läuft die Übertragung des Finales. Noch ein Kilometer bis zum Ziel. Steve Cummings hat 30 Sekunden Rückstand. Dann bricht das Signal ab. Wir sind abgeschnitten. Blind. Auch der Funk funktioniert nicht. Wir werden fehlgeleitet, rasen zurück, erreichen Mende, den Zielort. Der Fernseher springt wieder an...

Abends im Teamhotel: Der Bus mit den Fahrern, der Team-LKW, alle waren noch fast zwei Stunden unterwegs zum 70 Kilometer entfernten Hotel. Morgen startet die nächste Etappe wieder von Mende aus, dann geht es denselben Weg zurück. Ankunft. Räder abladen, Hochdruckreiniger anschließen, Räder und Klamotten waschen. Die Fahrer aßen schon im Bus etwas, Recoverydrink und Nudelsalat. Jetzt sind sie in der Dusche oder bei den Physiotherapeuten. In der Hotelküche werkelt der Teamkoch. Das belgische Fernsehen baut ein Freiluftstudio auf. Dann kommt er. Steve Cummings war bei der Dopingkontrolle und der Siegerehrung. Er ist der erste Tour-Etappensieger der Teamgeschichte. Jeder klatscht ihn ab, die Mechaniker, die Trainer. Die Kellner und der Hotelchef applaudieren.

Triumph

Es ist nach 20 Uhr, als die Fahrer zum Abendessen erscheinen. Neben ihrem Tisch hat der Teamkoch ein ganzes Buffet aufgebaut. Reis, Nudeln, Kartoffeln, Fisch, Hähnchen, Gemüse. Zum Nachtisch gibt es eine Kugel Eis, Fruchtsorbet. Und ein Glas Champagner. 

Erst jetzt sehen die Teamkollegen in der Fernsehzusammenfassung, was auf den letzten Metern dieser 15. Tour-Etappe geschah. Einen Kilometer vor dem Ziel, am Ende des Schlussanstiegs, liegen Bardet und Pinot vorne. Steve ist distanziert, mit 30 Sekunden Rückstand. Dann Schnitt, die Kamera zeigt die Zielgerade. Die beiden kleinen Franzosen taktieren. Hinter ihnen taucht ein großer dunkler Schatten auf. Und schießt in der Ebene rechts an ihnen vorbei. Steve hat zwei Meter Vorsprung, es geht leicht bergab, eine Kurve, Steve ist fünf Meter vorne, die nächste Kurve, zehn Meter. Die Ziellinie. 

Die Art dieses Sieges und das Datum dieses Sieges – für dieses Team, mit dieser Geschichte. Das ist eigentlich zu viel, um wahr zu sein. Es ist das Wunder des Mandela-Day. |||||

 

Das Team

Der Profi-Rennstall mit Sitz in Johannesburg wurde 2008 als Continental-Team gegründet. Seit 2013 hat er Pro-Continental-Status. Noch im selben Jahr gewann Gerald Ciolek den Klassiker Mailand-Sannremo - der größte Erfolg der Teamgeschichte. Team-Manager ist der südafrikanische Ex-Profi Douglas Ryder. Namensgeber sind die Mobilfunkgesellschaft MTN und die NGO Qhubeka. Die Initiative stattet Menschen, besonders Kinder, im Gegenzug für gemeinnützige Arbeit mit Fahrrädern aus, um ihre Lebensverhältnisse im ländlichen Afrika zu verbessern – ganz nach dem Teammotto: bicycles change lives.

Mehr Infos unter: www.teammtnqhubeka.com

 

Sonderedition

MTN-Qhubekas Helmpartner Met stellte am Mandela-Day während der Tour de France eine Sonderedition des Teamhelms „Rivale“ vor. Das Team war zum ersten Mal damit unterwegs und holte gleich den Etappensieg. Der Rivale ist mit rund 230 Gramm Gewicht und sehr guten Werten im Windkanal der leichteste Aero-Straßenhelm auf dem Markt. Die Teamhelme mit den Fahrerautogrammen wurden versteigert. Die Erlöse kamen der Nelson Mandela Stiftung zugute. Außerdem gab es Mandela-Day-Armbänder zu kaufen. Die Verkaufserlöse gingen an Qhubeka. 

Mehr Infos unter: www.met-helmets.com

Quelle: 

Foto: Vos, Gruber, Binnig