Reise

Alpencross - Abenteuer Alpenüberquerung

09.10.2014

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Mit dem Rennrad über die Alpen

Es ist ein Kriechen gegen die Zeit. Weit weit über uns sehen wir die Straße, darüber den Gipfel,  darüber die dunkelgrauen Wolken. Wir atmen schwer – und nehmen ihn trotzdem wahr: den Duft des kommenden Regens. 

Wir kommen kaum vorwärts. Die Kette dreht sich auf dem größten Ritzel, der Tritt ist trotzdem schwer. Seit mehr als eineinhalb Stunden arbeiten wir uns an ihm ab: dem Stilfser Joch. 2757 Meter ist es hoch, und damit nach dem  Col de l’Iséran die zweithöchste Passstraße der Alpen. Der Berg ist nicht nur physisch fordernd, sondern auch psychisch. Er fängt so harmlos an, in einem kleinen Dorf, Prad, beginnt die Straße anzusteigen. Man schaltet zwei, drei, vier Gänge runter und fährt weiter, lange. Dann, in einer Kurve, sieht man dieses Schild, das einem alles nimmt: Zuversicht, Motivation, den Glauben an sich selbst. Klein ist es und blau, in weißer Schrift steht darauf: 47.

Unendliche Höhen

Wir hatten Glück, denn eigentlich sind es 48 Kehren bis nach oben. Das erste Schild hat wohl ein Trophäensammler abmontiert. 48 kann eine gewaltige Zahl sein. Ich versuche, gegen den eigenen Tunnelblick anzukämpfen, die Schilder zu ignorieren und mich auf die Landschaft zu konzentrieren. Links blinkt das Grau und Schneeweiß des Ortlers in der Sonne. Je höher wir kommen, desto weniger blinkt, desto weniger Sonnenstrahlen dringen durch die Wolkendecke. Es wird kalt und tot und öde, Mordor. 

Auf dem Schild in der nächsten Kurve steht „22“. Dahinter ist der Blick frei, hinauf, auf die Serpentinen, die Mauern, auf die Straße, die sich durch den Felshang schlängelt. Ab jetzt sieht man genau, was einem noch bevorsteht. Eine Ewigkeit, noch fast 600 Höhenmeter.

Unten, vor langer Zeit, hatte es noch 30 Grad, jetzt sind es vielleicht 15. Wir überholen immer wieder Fahrer, die eine Startnummer am Lenker haben. Niederländer, die eine geführte Tour machen. 40 Leute, sie sind über den ganzen Berg verteilt.

„4“ steht auf dem Schild. Die letzten Meter, die allerletzten sind schon fast flach. Oben tendiert der Himmel fast schon ins Schwarze. Trotzdem wimmelt es von Radfahrern. Wir fahren links ran, suchen eine windgeschützte Stelle und ziehen uns um. Armlinge, Beinlinge, Weste, Mütze. Es beginnt zu regnen. Abfahrt.

Keine Grenzen

Das Joch ist ein Übergang zwischen Südtirol und der Lombardei – und der höchste Punkt unserer Alpenüberquerung. 25 Kilometer bergauf, 1850 Höhenmeter. Es ist der zweite Tag unserer Reise. 

Vor ein paar Wochen war das Ganze nichts als eine Idee, bei der man noch abwertend lächelt, nachdem man sie ausgesprochen hat. Weil man sie selbst für dumm oder bestenfalls utopisch hält. Zwei Tage und einige Stunden des Routenplanens später stand fest: Wir tuns. Zwei alte Freunde, zwei Räder, zwei Rucksäcke, ein paar Müsliriegel, fertig. 

Mittwochsnachts, nach der Arbeit, ging es mit dem Zug nach Garmisch-Partenkirchen, ins Sporthotel, am nächsten Morgen klingelte um 5:45 Uhr der Wecker. Früh wollten wir los, so früh wie möglich. Doch wir mussten uns unserer ersten gewaltigen Herausforderung stellen: dem Frühstücksbuffet. Mehr als eine Stunde später sahen wir es dann ein: Wir waren gescheitert. Unter anderem an den schon dick mit Nutella bestrichenen Crêpes. Gefühlt zwei Kilogramm schwerer und mit Landjägerwurst und Bananen im Gepäck brachen wir auf. Die Wetterprognose: Gewitter und starke Regenschauer.

Ins Idyll

Ein schmaler Radweg führt uns nach Osten. Und dann nach Süden, immer weiter. Wir biegen ab, in eine Mautstraße. Der Weg wird schmaler, der Wald dichter. Immer wieder geben die Bäume den Blick frei auf die nahen Berggipfel. Dann, eine freie Fläche, auf einer Anhöhe steht ein Märchenschloss: Elmau. Dahinter ist das Wegchen nicht mehr asphaltiert, wir rollen über feinen Kies. Er knirscht, Vögel rufen, Zweige knacken, Wald, menschenlos, der Ferchensee. Idylle, zu schön, um kitschig zu sein.

Wieder auf Asphalt geht es durch Leutasch nach Telfs, und danach: auf 18 flache Kilometer, kaum zu glauben. In Haiming biegen wir links ab. In eine Wand. Der Silzer Sattel beginnt steil – und er bleibt es, bis zum Ende. Schon nach zwei Kilometern des ersten ernsthaften Anstiegs unserer Tour verfluchen wir unsere zu dicken Übersetzungen. 

Die schlichten Fakten: zehn Kilometer, 1000 Höhenmeter. Links unter uns erstreckt sich das Inntal. Dann, irgendwann sind wir oben. Tannen stehen hier, unter ihnen weiden drei Pferde. Als wir uns die Windwesten überstreifen und die ersten Brötchen aus den Rucksäcken kramen, kommt eines davon her. Nachdem es gestreichelt wurde und ein halbes Brötchen verspeist hat, ist es nur durch längeres gutes Zureden davon zu überzeugen, hier oben bei seinen beiden Kollegen zu bleiben, statt uns bergab zu begleiten.

Das eigene Tempo

Schnell ist die Abfahrt auf der Kühtaistraße von Ochsengarten nach Oetz. Dann sind wir im Ötztal. Das Wort „Tal“ klingt an und für sich sehr gut, es verheißt flache Strecken, Entspannung, lockeres Pedalieren, einen 30er Schnitt. Leider kenne ich das Ötztal schon – und weiß, dass wir es in die falsche Richtung befahren: Es geht nicht steil, aber konstant bergauf. Am Ende des Tals wartet: das Timmelsjoch. Zum Glück von der einfacheren Seite. Beim Ötztaler Radmarathon ist die Abfahrt der Nordrampe die Zielanfahrt, wir fahren sie bergauf. Im Gegensatz zum Silzer Sattel kann man sich hier ab und zu in Flachstücken erholen. Nach 22 Kilometern Anstieg sind wir in Südtirol. Auf der Abfahrt erwischt uns ein kurzer Regenschauer. Es wird ein Rennen gegen die Wolken. In Meran haben wir sie abgehängt. Die Stadt strahlt eine Atmosphäre aus, wie sie angenehmer kaum sein kann: entspannt, warm, jung, mediterran. Wir rollen an der Etsch entlang, auf der anderen Seite des Flusses spielt eine Band. 

Ein einsames Hochplateau

Wir übernachten zehn Kilometer weiter westlich, in Plaus. Es ist schon Abend, als wir eintreffen. Duschen, Essen, Schlafen. Am Morgen durchkreuzt wieder das Frühstücksbuffet unseren Plan des frühen Aufbruchs. Der erste Streckenabschnitt ist ideal, um zu verdauen und sich warmzufahren. Ein schmaler Radweg führt durch das Tal, bis zum Fuß des Stelvio.

48 Kehren später stehen wir auf dem höchsten Punkt der Passstraße. Und wieder haben wir Glück, an den Tagen zuvor hatte es hier gehagelt, doch wir kommen trocken unten an. Kurz vor Bormio geht es nach rechts, schon wieder bergauf. Die beiden Pässe Foscagno und d‘Eira sind nicht sehr steil, aber sie kommen uns endlos vor. Der Anblick Livignos, das auf einem Hochplateau liegt, ist wie eine Erlösung. Exakt neun Kilometer kommen wir ohne Steigungsprozente voran. 

Bevor die Straße wieder ansteigt. Über die 2300 Meter hohe Forcola di Livigno kommen wir in die Schweiz. Abfahrt, rechts Abbiegen, nächster Anstieg. Wir finden uns auf den letzten Kilometern des Berninapasses wieder. An dessen Ende, nach einer kurzen Abfahrt, sind wir an unserem Ziel des Tages: Pontresina. 

Am Ziel

Im Sporthotel, von unserem Zimmer aus, sieht man nichts als Berge. Über Nacht nehmen wir in Anspruch, wovon jeder die Alpen überquerende Radfahrer träumt: einen kostenlosen Wäscheservice. Ungewöhnlich gut duftend brechen wir am nächsten Morgen auf. 

Auf die Abfahrt folgt ein langer flacher Streckenabschnitt, durch St. Moritz, durch Maloja, und dann lange: bergab. Am Fuß des Malojapasses sind wir längst wieder in Italien. Es geht südwärts. Am wunderschönen Lago di Mezzola treffen wir einen guten Freund, der in der Schweiz lebt. Er zeigt uns einen Weg nach Lugano, den wir selbst nie gefunden hätten – über kleine Straßen, fast ohne Verkehr, durch die Natur, durch Dörfchen, mit wunderbaren Ausblicken. Und zwei weiteren Anstiegen. 

Es ist heiß, über 30 Grad, der Schweiß rinnt. Oben plätschert im Schatten eines uralten Hauses aus Natursteinen das Wasser eines Brunnens. Es ist kalt und klar und süß. 

Noch eine Kurve, dann sehen wir es, unser Ziel. Türkisblau glitzert er unten im Tal, der Luganersee, das Grün der Bäume davor ist grüner als anderswo. Ein Duft nach Blüten und Zitronen. Palmen, Berge, Hitzeflimmern. Wir haben ihn gefunden, am anderen Ende des wilden Gebirges, den Garten Eden. |||||

 

Die Strecke

Tag 1: 

Garmisch-Partenkirchen – Mittenwald – Buchener Sattel – Telfs – Haiming – Ochsengarten – Oetz – Sölden – Hochgurgl – St. Leonhard – St. Ursula – Meran – Plaus. 186 Kilometer

Tag 2:

Plaus – Latsch – Prad – Molina Bagni – Amoga – Trepalle – Livigno – Ozspizio Bernina – Pontresina. 140 Kilometer

Tag 3: 

Pontresina – Schlangna – St. Moritz – Silvaplana – Maloja – Chiavenna – Samolaco – Novate Mezzola – Sorico – Gravedona – Menaggio – Naggio – Carlazzo – Porlezza – Lugano. 164 Kilometer

 

Die Strecke als Karte und für GPS-Geräte downloadbar: bit.ly/alpenüberquerung / Hinweis: Der Track führt von Mittenwald aus über die asphaltierte Straße. Und (aus technischen Gründen) ab Meran bis zum Fuß des Stelvio über eine recht vielbefahrene Straße, statt über den von uns benutzten, teilweise unasphaltierten Radweg.

 

Die Unterkünfte

Garmisch-Partenkirchen: Das Dorint Sporthotel ist ein eigenes kleines Dorf mit einem ruhigen Innenhof in der Mitte. Mehrere Restaurants, ein Biergarten, Saunen, Dampfbad, Fitnessbereich, Tennisplätze, Kletterwand, Ernährungsberatung, Personal Training – und ein gigantisches Frühstücksbuffet. Hier findet ein Sportler alles, was er braucht.

Mittenwalder Straße 59; 82467 Garmisch-Partenkirchen

Infos unter: www.hotel-garmisch-partenkirchen.dorint.com

 

Plaus/Naturns: Das Hotel Ansitz Schulerhof sieht aus wie ein kleines Schlösschen. Es bietet gutes, reichhaltiges Essen, einen gemütlichen Innenhof, einen videoüberwachten Radraum mit Werkstattbereich und einen Spa-Bereich. Etwa 40 Kilometer vom Fuß des Stelvio und zehn Kilometer von Meran gelegen ist es ein idealer Ausgangspunkt für Rennrad- und MTB-Touren.

Gröbenweg 6; I-39025 Plaus; Italien

Infos unter: www.schulerhof.it

und: www.bikehotels.it/de/suedtirol.html

 

Pontresina: Klassisch und edel sieht es von außen aus, das Sporthotel Pontresina. Innen hält es, was es verspricht. Etliche Spa-Angebote (etwa eine Wellnessoase auf dem Dach) können helfen, die Batterien wieder aufzuladen. Das Essen, die sichere Radunterbringung und der kostenlose Wäscheservie für Sportklamotten zeigen, dass das Hotel auch auf Radfahrer ausgelegt ist.

Via Maistra 145; 7504 Pontresina; Schweiz 

Infos unter: www.sporthotel.ch

 

Weitere Hoteltipps an der Strecke:

Prad:

Das Aktiv- und Wellnesshotel Zentral liegt direkt am Anstieg zum Stelvio. Radfahrer können sich im Wellnessbereich und im Hallenbad erholen. Es bietet einen Fahrrad- und einen GPS-Geräteverleih, einen Shuttleservice, eine Bikerjause, Tourenkarten, einen Trockenraum, und sogar einen kostenlosen Rückholservice im Pannenfall.

39026 Prad am Stilfserjoch; Italien   

Infos unter: www.zentral.it

 

Livigno:

Der Betreiber des Hotel Astoria ist selbst aktiver Mountainbiker. Er und seine Mitarbeiter bieten täglich geführte Touren an, außerdem Kartenmaterial und GPS-Daten, Wäscheservice, Bikewerkstatt, Nachmittagsbuffet. Pinarello-Rennräder können gegen Gebühr ausgeliehen werden.

Via Saroch 1116; 23030 Livigno (SO); Italien

Infos unter: www.hastoria.it

und: www.italybikehotels.it/de

 

Lugano:

Das Hotel Atlantico liegt 200 Meter vom Lago di Lugano und zehn Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt, zwischen Monte Brè und San Salvatore .

Via Concordia 12; CH-6900 Lugano

Infos uter: www.atlanticolugano.ch

Die Highlights

• Silzer Sattel: 1690 Meter ist er hoch und verbindet das Inntal mit der Kühtaistraße, die dann ins Ötztal hinab führt. Von Haiming aus stellen sich dem Radfahrer zehn Kilometer und 1000 Höhenmeter in den Weg.

• Timmelsjoch: 2509, diese Zahl vergisst man nicht so schnell, denn so hoch ist die Passstraße. Schilder in den Kurven zeigen die noch zu fahrenden Höhenmeter. Die Ostrampe von St. Leonhard: 29 Kilometer, 1800 Höhenmeter. Die Nordrampe von Sölden: 22 Kilometer, 1300 Höhenmeter. 

• Stilfser Joch: 2757 Meter hoch, 48 Kehren, die zweithöchste Passstraße der Alpen, das ist der Stelvio, ein Übergang zwischen dem Veltlin und dem Vinschgau. Die Nordostrampe, die in Prad beginnt, ist 25 Kilometer lang (mit 1800 Höhenmetern).

• Livigno: 23 Kilometer ist das Tal lang. Da Livigno selbst auf 1816 Metern liegt, ist es ein idealer Ort für ein Höhentrainingslager. Deshalb trifft man dort auch fast immer Profis. Viele berühmte Pässe liegen in Reichweite: Mortirolo, Stilfser Joch, Gavia, Albula- , Julier- und Berninapass. Livigno bietet zudem Wanderwege, Klettersteige und etliche Mountainbike-Trails, im Sommer wird der Snowpark Mottolino zum Bikepark. Der See (Foto) wurde für alle möglichen Wassersportarten erschlossen. Zudem ist Livigno eine zollfreie Zone. Das gute Gefühl des Sparens kann man sich in etwa 250 Duty-Free-Geschäften holen. www.livigno.com

• Lugano: Die Universitäts- und Finanzstadt liegt im Tessin, am Lago di Lugano, umgeben von Bergen. Der Hausberg von Lugano ist der 880 Meter hohe Monte Brè, von dem man einen wunderbaren Blick auf Stadt und Landschaft hat. www.lugano.ch

 

Die Packliste:

- Beim Rucksack ist der Name Programm: „Trans Alpine“ heißt das Modell von Deuter. 30 Liter passen hinein. Die Raumaufteilung mit dem großen Hauptfach ist durchdacht. Wir hatten nach den drei Tagen keine Rückenschmerzen. 

- Das Minitool sollte auch über einen Kettennieter verfügen.

- Kleine und leichte Lichter zum Beispiel von Sigma und Owleye) machen für etwaige Fahrten in Tunneln Sinn.

- Ein GPS-Gerät kann das Leben leichter machen. Der Garmin Edge 810 ist kompakt und erwies sich als zuverlässig. 

- Ein Erste-Hilfe-Set (zum Beispiel von Ortlieb).

- Eine „Notration“ an Energieriegeln sollte man immer dabei haben.   

- Außerdem: Armlinge und Beinlinge, Helmmütze, Handschuhe, Evtl. Überschuhe, Wechseltrikot und -hose, Wechselsocken, Funktionsunterhemd (evtl. zusätzlich eines mit langen Armen), Regenjacke, Sonnencreme, Evtl. Sitzcreme, Windweste, Ersatzschlauch; evtl. Flickzeug, Minipumpe

 
 
 
 
 
 
 

Quelle: 

Foto: Ammann, Krieger, Binnig