Reise

Cypress Hills - mit dem Rad durchs Val d´Orcia

11.04.2014

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Rennradfahren in der Toskana. Tipps und Touren für Rennradfahrer.

Wenn ich an Italien denke, denke ich an Sonne. Denke ich an Sonne, denke ich an Genuss. Denke ich an Genuss, denke ich an Radfahren. Den Gedanken sollte man freien Lauf lassen – und man sollte öfter Radurlaub in Italien machen, in der Toskana, im Orcia-Tal. Das Tal ist seit 2014 Weltkulturerbe und bietet neben mediterranem Wetter, vielen Sehenswürdigkeiten, Pasta und Wein tolle Strecken für Rennradfahrer.
Dichter weißer Nebel liegt tief im Tal. Ein paar der höheren Hügel, einige Hausgiebel und die Spitzen von Zypressen werden von den ersten Sonnenstrahlen des Tages erleuchtet. Jeder, der diesen Anblick vor Augen hat, darf sich freuen. Die Schönheit der Toskana ist jetzt schon deutlich. Klasse Trainingstage warten. Der Nebel ist nach dem Frühstück verschwunden, das Tal befreit, der Blick schier endlos, ebenso wie die Trainingsmöglichkeiten in der Toskana.

Ausgangspunkt Thermalbad
Wir starten unsere Trainingsrunden in Bagno Vignoni, im Hotel Adler Thermae, das auf einer kleinen Anhöhe steht, auf vulkanischem Gestein. Dort wird Thermalwasser freigegeben, in dem wir anschließend planschen werden. Es hat eine jahrzehntelange Reise hinter sich, durch viele Erdschichten, bis in eine Tiefe von 1000 Metern. Dort trifft es auf vulkanische Schichten und wird erwärmt, auf eine Temperatur von 50 Grad Celsius. Dann drängt es wieder an die Oberfläche. Die Badetemperatur beträgt nach Abkühlung 36 Grad Celsius. Genau richtig, um sich zu entspannen, den Tag Revue passieren zu lassen, sich vom Training zu erholen. Obendrein ist das warme, bikarbonat- und sulfathaltige Wasser gut für die Gelenke und die Haut.
In welche Richtung man von Bagno Vignoni aus fährt, ist ziemlich egal. Überall findet man tolle Straßen mit sehr wenig Verkehr, mittelalterlich verschlafene Dörfer und wenn man will: anspruchsvolle Steigungen. Einzigartig sind die weich geformten, grünen Hügel im Orica-Tal. Sie sind kaum bewachsen und es stehen nur vereinzelt Villen auf ihnen. Die Wege dorthin sind toskana-typisch mit Zypressen-Alleen bepflanzt. Alles ist wie gemalt. Kein Wunder, dass diese Landschaft während der Blütezeit der Renaissance von Malern der sienesischen Schule geliebt wurde. Die Motive: Landschaften, in denen Mensch und Natur in Eintracht leben. Seit dem 15. Jahrhundert scheint sich hier nicht viel verändert zu haben. Auch deshalb hat die Region den Titel Weltkulturerbe erhalten.

Bergauf
Weiter Richtung Süden baut sich hinter den sanften Hügeln ein größerer Berg auf. Der Monte Amiata. Mit 1738 Metern Höhe ist er die höchste Erhebung in der Südtoskana und prägt so das Landschaftsbild. Im Frühjahr hat der Berg oft noch eine weiße Schnee-Kappe auf und die Schneisen in den bewaldeten Hängen zeigen, dass man hier im Winter auch gut Skifahren kann. Dementsprechend steil sind die Anstiege hinauf zu dem erloschenen Vulkan. Im Sommer bieten die Kastanienbäume Schatten – im Frühjahr umfahren wir ihn lieber. Nicht wegen der Sonne, sondern wegen der fehlenden Form. Schließlich sind alle Anstiege dort hinauf länger als zehn Kilometer.
Fährt man Richtung Norden, ist Pienza nicht weit. Das historische Zentrum wurde bereits 1996 zum Unesco Weltkulturerbe erklärt. Im Dom von Pienza finden sich Werke von Giovanni di Paolo, Matteo di Giovanni del Vecchietta, Sano di Pietro und ein Marmoraltar, der Rossellino zugeschrieben wird. Auch flämische Wandteppiche aus dem 15. und 16. Jahrhundert kann man hier finden – belgisches Kopfsteinpflaster glücklicherweise nicht. Es lohnt sich aber, auf die kleine Pienza-Runde den Rucksack und ein Paar Turnschuhe mitzunehmen, um sich das Zentrum genauer anzuschauen. Zurück führt die Runde über Monticchiello, streift hier das Weinanbaugebiet von Montepulciano. Und neben den Turnschuhen sollte ja vielleicht noch ein bisschen Platz für die ein oder andere Flasche Vino Nobile sein.

Weintour
Auch unsere dritte Runde führt uns zum Wein. Dieses Mal nach Montalcino, wo der berühmte Brunello di Montalcino herkommt. Der Rotwein wird seit über hundert Jahren mit Sangiovese-Trauben hergestellt, und es gelten strenge Auflagen für die Produktion. Zum Beispiel beträgt die maximale Ertragsmenge 52 Hektoliter Wein pro Hektar, die Freigabe für den Handel gibt es erst ab dem 1. Januar des fünften auf die Ernte folgenden Jahres, der Wein muss zwei Jahre in Eichenfässern ausgebaut sein und mindestens vier Monate Flaschenreife haben. Für das Entleeren der Flasche gibt es keine Vorschrift. Nach einem anstrengenden Trainingstag ist aber davon abzuraten, allzu viel Wein zu trinken. Die Runden rund um Bagno Vignoni sind anstrengend. Es gibt kaum einen wirklich flachen Kilometer und auch wenn die Anstiege oft nicht allzu lang sind, kommt man schnell auf viele Höhenmeter. Und wer viele Höhenmeter macht, muss viel essen. Oder besser: viel Gutes essen. Da ist man in der Toskana bestens aufgehoben. Alleine das Olivenöl, das von den umstehenden Plantagen stammt, schmeichelt dem Gaumen und hilft dem Körper, wieder fit zu werden.
Und dass die italienische Küche an sich gesund ist, weiß man sowieso – und genau so gut klingt sie auch. Pici, Garganelli, Ribolitta, Pecorino. Das ist Musik. Beziehungsweise ist es Pasta, eine toskanische Gemüsesuppe, die überbacken wird und Schafsmilchkäse. Fleischliebhaber kommen beim Gulasch vom Kalb mit Steinpilzen vom bereits bekannten Monte Amiata, Schweineleberchen und Salsiccia und vielen weiteren Leckereien auf ihre Kosten. Wie wichtig die richtige Ernährung für die Regenerationszeit ist, weiß man. Und so kann es am nächsten Tag immer wieder mit voller Kraft auf eine neue Etappe gehen. Wer bis zum Mittelmeer fahren will, sollte sich auf eine Tour mit gut 180 Kilometern Länge einstellen, bis zum Lago di Trasimeno, dem viertgrößten See in Italien, sind es nur rund 100 Kilometer hin und zurück. Aber es ist nicht schlimm, wenn man einfach nur im Val d´Orcia bleibt. Hier findet man alles, was man sich wünscht: Sonne, tolle Radstrecken, ein genussvolles Leben. |||||


 

Quelle: 

Foto: Jürgen Amann; Adler Thermae Spa & Relax Resort