Reise

Ein See zum Verlieben: Rennrad-Reise rund um den Wörthersee

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Es war ein rauschendes Fest und die gesamte Haute-Volée der Stadt gab sich bei Tanz und Buffet ein glanzvolles Stelldichein. Kein Wein, der zu teuer gewesen wäre, kein Tanz den man ausgelassen hätte an diesem Abend. Die Musik tönte bis in die nahen Berge hinauf und vom Geläut der Kirchenglocken war kaum etwas zu hören, als diese den nahenden Ostersonntag ankündigten. Doch kaum war der letzte Glockenton verhallt, öffnete sich schwungvoll die prächtige Tür zum Festsaal und ein kleines Männlein trat ein. Mit rauschendem Bart und grauem Gewand konnte es unmöglich ein später Gast sein und seine Worte passten kaum zur tollen Stimmung: „O ihr gottlosen Schwelger", lamentierte der Kurze. „Wisset ihr nicht, welche Feier wir morgen begehen? Kehret heim, ehe euch strenge Strafe erreicht!" Betretenes Kichern im Saal, ein spöttischer Zwischenruf und schon war das Männlein verschwunden. Die Kapelle spielte wieder auf und ein paar schwungvolle Takte später war die bizarre Episode vergessen. Doch kurz vor Mitternacht öffnete sich das Portal abermals und der graue Spielverderber trat nochmals auf den Plan. Diesmal trug der Bärtige ein kleines Fässlein unter dem Arm und mahnte die Feiernden nochmals zu Andacht und Buße. Ansonsten, drohte er, „öffne ich den Hahn des Fässchens, und Tod und Verderben kommt über euch!" Doch wieder lachte die Festgesellschaft nur und spottete um so lauter, bis Punkt Mitternacht ein Gewitter hervorbrach und mit einem Schlag alle Lichter verloschen. Das eisgraue Männlein verschwand in der Dunkelheit, aber sein Fässlein lag am Boden. Aus dem Hahn liefen Fluten klaren Gebirgswassers, die im Nu den Raum, das Gebäude und die ganze Stadt füllten. Niemand von den gottlosen Besuchern, so die Sage, habe sich damals retten können und wo einst die stolze Stadt ihre Paläste gen Himmel reckte, liegt heute der Wörthersee – der glasklare Mittelpunkt eines famosen Rennradler-Reviers.

Sagenhafte Vielfalt

Für die Erkundung der Region rund um Kärntens größten See ist das idyllische Örtchen Velden die perfekte Basis. In Deutschland kennt man den Ort aus der Fernsehserie „Ein Schloss am Wörthersee": Die Freuden und Leiden im Veldener Schlosshotel bannten Anfang der 1990er Jahre ein großes Publikum vor der Mattscheibe und setzten Roy Black ein filmisches Denkmal. Kaum ein deutscher Mime verzichtete damals auf einen Auftritt in einer der 34 Folgen und neben Nina Hagen oder Harald Juhnke lernten sogar US-Stars wie Larry Hagmann oder Telly „Kojak" Savalas den Wörthersee kennen. Heute ist das Schloss ein schmuckes Wahrzeichen des 8.800-Seelen-Ortes Velden und ein guter Startpunkt für eine Kennenlern-Runde um den See. Die mittelschwere Tour (siehe Tour-Info) von etwa 70 Kilometern hat knapp 1.000 Höhenmeter aufzubieten und beschreibt einen weiten Bogen um den Wörthersee. Der ist zwar während der Tour nicht immer zu sehen, doch dafür hat die Strecke so viele wunderschöne Ein- und Ausblicke parat, dass man bisweilen vergisst, auf die Straße zu achten. Im Süden ragen die felsigen Zacken der Karawanken als ständige Begleiter in den Himmel und ihr Gipfelgrat markiert die nahe Grenze zu Slowenien. Ein besonders schöner Streckenabschnitt führt zwischen Schiefling und Viktring durch das Keutschacher Seental: Genussradeln pur. Wer sich in Schiefling schon eine Rast verdient hat, darf sich einen Zwei-Kilometer-Abstecher zum Trattnigteich gönnen. Dort bietet sich der hübsche Landgasthof für eine zünftige Erfrischung an, die man am besten auf der Terrasse mit Blick auf den blaugrünen Teich genießt. Und wer sich von der Idylle gar nicht mehr wegbewegen mag, bucht einfach eines der gemütlich-rustikalen Gasthof-Zimmer bei Familie Ramusch.

Besuch beim „Mandl"

Am westlichen Ende des Wörthersees kratzt die Runde die größte Stadt Kärntens an. Klagenfurt ist zumindest für eine ordentliche Espresso-Pause gut oder – nach Radler-Feierabend – zum Shoppen. Und wenn man einmal da ist, kann man auch ruhig dem „Wörthersee-Mandl" einen Besuch abstatten. Mit seinem Wasserfässchen unterm Arm ziert es in der Kramergasse einen Brunnen. Aus der Stadt hinaus führt der Weg über Moosburg und Stallhofen direkt ans Nordufer des Wörthersee, vorbei an der Burgruine Leonstein, die bereits 1202 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Beim Bewunderns des mittelalterlichen Gemäuers gilt es, noch mal ordentlich Sauerstoff zu tanken, denn auf dem Weg nach St. Martin und Oberdorf sind einige Höhenmeter zu absolvieren. Dafür geht es danach relativ entspannt wieder zurück nach Velden – vielleicht mit einem Stopp bei einem Buschenschank am Wege. In den urigen Bauernwirtschaften kommen nur Speisen und Getränke aus eigener oder regionaler Produktion auf den Tisch und wenn sich der Bauer auch auf der Herstellung von Most oder Obstler versteht – umso besser. Aber selbst für die typische „Brettljause" mit Schinken und frischem Bauernbrot lohnt der Halt allemal. Gestärkt geht es auf die letzten Kilometer zurück nach Velden, wo der See in den Sommermonaten eine wahrhaft verlockende Option zum Tourabschluss ist.

Verwöhntage für Radler

Den eleganten Sprung ins kühle Blau wagt man im Veldener Strandbad oder – etwas exklusiver – vom Privatstrand eines der Seehotels. Der „Hubertushof" hat für seine radelnden Gäste neben einem wunderschönen Spa-Bereich auch eine „Panorama-Sauna" direkt am See zu bieten: Aus den großen Fenstern weitet sich der Blick auf den See und die graue Krawanken-Silhouette – Urlaub für die Seele. Freilich muss auch der Leib nicht schmachten, wenn Andreas Staudacher seine Kreationen aus regionalen Zutaten auftischt. Der Hubertushof-Küchenchef setzt dabei auf einen frischen Mix von Kärntner Spezialitäten mit leckeren Einflüssen aus dem nahen Italien. Das schmeckt nicht nur, sondern macht auch fit für den nächsten Tag im Sattel, den Hotelier Robert Kenney gern auch gemeinsam mit seinen Gästen verbringt. „Ich fahre seit über 20 Jahren Rennrad und wenn wir gemeinsam in der Region unterwegs sind, zeige ich ihnen gerne die schönsten Ecken", sagt er. Weil immer mehr Rennradler den Wörthersee als Trainingsrevier entdecken, will Kenney das Service-Angebot bis zur nächsten Saison weiter ausbauen. „Ein neuer Fahrradraum wird bis nächstes Jahr fertig sein, dazu kommen eine Servicestation in Kooperation mit einem örtlichen Fahrradhändler und Touren mit einem zertifizierten Rennrad-Guide", erklärt er das Konzept. Dazu gehört im Hotel auch allerlei Komfort für nichtradelnde Ehefrauen, denn „wenn die Herren mit dem Rad ihren Spaß haben, soll es den Damen schließlich auch gut gehen" fügt die Gastgeberin Renate Kenney hinzu, deren Familie seit vier Generationen den Hubertushof bewirtschaftet.

Harter Tobak

Wie wichtig ein perfektes Hotelfrühstück sein kann, zeigt sich am nächsten Tag: Für die „Koschuta-Runde" ist eine kräftige Grundlage im Magen zwingend. Und natürlich ein gewisses Maß an Stehvermögen für 137 Kilometer und 1.854 Meter Anstieg. Doch daran herrscht bei Alfred Koschat offenbar kein Mangel. Normalerweise ist er mit dem italienischen Aqua & Sapone-Rennteam unterwegs, aber einen guten Teil seiner mehr 30.000 Trainingskilometer absolviert er jedes Jahr im Schatten der Koschuta, einem 14 Kilometer langen Bergmassiv in den Karawanken. Das erste Streckenviertel vom Wörthersee vorbei am Kertschacher See dient Alfred bestenfalls zur Erwärmung. Einige Kilometer weit folgt die Route dabei der Wettkampfstrecke des Ironman Austria Triathlon, dem größten Triathlon-Events Europas. Jährlich zieht es fast 2.000 Athleten aus aller Welt an den Wörthersee, die hier auch gern einige Zeit zum Training verbringen – etwa, um sich für die 180 Fahrradkilometer fit zu machen. Hinter Maria Rain passiert die Straße den Damm des Ferlacher Stausees, in dem die Drau aufgestaut wird und dann das Örtchen Ferlach, das man im Vorbeiradeln als Hochburg von Waffennarren halten könnte. Tatsächlich sind die auffällig vielen Waffengeschäfte Teil einer Tradition, die bis ins 16. Jahrhundert reicht. Damals wurden die Ferlacher Waffenschmiede erstmals urkundlich erwähnt und bis heute genießen die handgefertigten Jagdgewehre der örtlichen Büchsenmacher einen ausgezeichneten Ruf. Allerdings hilft dieses Wissen im Sattel nicht viel weiter, wenn es hinter dem Ort langsam aber stetig immer weiter bergan geht. Hier und da zwängen hohe Felswände die Straße in ein schmales Korsett und spenden wohltuenden Schatten. Links und rechts verschwinden Serpentinenstraßen jenseits der 20-Prozent-Marke im Wald und Alfred scheint es mächtig in den Waden zu jucken, mal schnell in die Spitzkehren auszurücken. Erst auf dem Weg nach Zell Pfarre und hinauf auf den 1.017 Meter hohen Schaidasattel wird es auch für den Profi anspruchsvoller, der trotz Wiegetritt an dem ziemlich giftigen Anstieg munter weiter plaudert. „Letztens bin ich mit Marc Cavendish und Bernhard Eisel hier unterwegs gewesen", erzählt er. Dem Kapitän des HTC-Highroad-Teams habe es gut gefallen auf den kurvenreichen Straßen Kärntens. Volle Konzentration ist bei der Abfahrt vom Tour-Höhepunkt gefordert: Auf dem Weg nach Bad Eisensattel geht es auf einer ziemlich engen Straße sehr kurvenreich ins Tal. Hinter Rechberg kann sich die Muskulatur dann wieder etwas entspannen. Durch das Rosental geht es rund 40 Kilometer entlang der Drau über Ferlach und Ludmannsorf wieder zum Startpunkt beim Wörthersee zurück.

Gen Süden und retour

Dort hat der Radler – nach dem obligatorischen Sprung in den See – wieder jede Menge Möglichkeiten für die nächsten Tage. Vielleicht ein Bummel durch das nahe Villach, dessen kleine Gässchen so sehr an Italien erinnern? Oder zum Einkaufen nach Klagenfurt? Oder vielleicht auf eine internationale Runde? Hotelier Robert Kenney schwört beispielsweise auf seine „Drei-Länder-Tour", die man in direkt in Velden oder im 30 Kilometer entfernten Arnoldstein beginnen kann. Über die italienische Grenze hinweg sind es von dort nur 13 Kilometer bis nach Tarvisio, von wo es nach Kranska Gora in Slowenien geht. Danach beginnt der Antritt zum unbestrittenen Höhepunkt dieser Runde – zum 1.611 Meter hohen Werschetzpass (Vršič). Vom Wintersportort auf 862 Meter Höhe sind auf den folgenden 10 Kilometern 749 Höhenmeter zu meistern, teilweise über kopfsteingepflasterte Spitzkehren. Wettkampfgestählte Profis bewältigen diesen Anstieg in 30 Minuten, was im Klartext heißt, dass Normalsterbliche auf Zeiten unter einer Stunde durchaus stolz sein dürfen. Robert Kenneys Tipp: „In Bovec sollte man sich eine Pause gönnen und slowenische Spezialitäten versuchen und auf der Abfahrt in Cave del Predil einen Cappuccino-Stopp in der alten Bar bei der sehr charmanten Signora nehmen." Über den Predilpass führt die Runde wieder nach Tarvisio zurück. Ohne die Anfahrt nach Italien ist diese Traum-Runde durch drei Länder etwa 90 Kilometer lang und bietet 1.850 Höhenmeter auf. Und nach dem Zieleinlauf geht es am besten – genau – erst mal in den See. Der kann im Sommer gut und gerne 27 Grad Wassertemperatur erreichen und wer auf ein Abenteuer aus ist, kann sich ja mit der Taucherbrille auf die Suche machen. Wonach? Nach eine kleinen Holzfass vielleicht…?