Reise

Grenzregion - Das Tannheimer Tal

25.10.2014

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Der Einstein ist erleuchtet. Sein Gipfel blinkt im Licht der Sommersonne. Alles hier ist leuchtend grün und grau. Mein Schweiß tropft auf den hellgrauen Asphalt, ein schmales dunkleres Band in dem irreal intensiven Grün der Almwiesen.

Der Einstein, 1900 Meter hoch, ist der Hausberg von Tannheim. Wenn ich aufschaue, kann ich ihn sehen. Doch meist ist mein Blick nach unten gerichtet oder auf die nächsten Meter, die vor mir liegen. Über mir. Die kleine Straße führt steil nach oben.

Kurz ist der Anstieg von Zöblen bis zum Berggasthof „Zugspitzblick“, groß ist die Belohnung. Der kleine Weg schlängelt sich etwas mehr als zwei Kilometer vom Tal den Hang hinauf. Oben sind ein Gasthof, ein Wanderweg – und ein Ausblick, den man nicht mehr vergisst. Über das Tannheimer Tal, die Allgäuer Alpen, auf Berge, die Bschießer heißen, Ponten oder Kugelhorn.

Eine Willensfrage

„Das schönste Hochtal Europas“ nennen die Tannheimer ihre Heimat. Wer vor dem „Zugspitzblick“ steht und runter auf dieses Tal, die Almen und die Bergriesen blickt, der versteht warum. Entscheidungsschwache Postkartenproduzenten könnten hier verzweifeln – die Auswahl an Motiven ist viel zu groß. Der Haldernsee schimmert grünlich-blau und ist kristallklar. Es kostet mich enorme Willenskraft, an ihm vorbeizufahren. Es hat 30 Grad, die Hitze flimmert über dem Asphalt, das Wasser strahlt Kühle aus, seine Oberfläche glitzert so, dass man kaum hinschauen kann.

Tannheim ist mein Ausgangspunkt. Von hier hat man die freie Auswahl. Man kann flache Touren mit sehr wenigen Höhenmetern fahren oder kleinere Berge, oder einen Pass – oder harte, höhenmeterstrotzende Hochgebirgsrunden. 

Ich habe das Tannheimer Tal verlassen. An seinem Ende wartete der Gaichtpass, der ins Lechtal führt, auf mich. Es war ein angenehmes Rollen, ein Gleiten, kleiner Gang, hohe Trittfrequenz, ein gutes Gefühl. Das ist vorbei. Ein einziger Blick hat alles zerstört. Vor mir steht eine Wand. Ich sehe weit hinauf, und was ich sehe, verheißt Schmerz: eine Rampe, die steil anfängt und, soweit das Auge reicht, nicht viel flacher wird. So beginnt es, das Hahntennjoch, einer der nördlichsten Alpenpässe. 

13, 14, 15 Prozent steil steigt die Straße vom kleinen Ort Elmen aus an. Ich versuche zu schalten, doch alle Hartnäckigkeit ist vergebens: Der kleinste Gang ist längst eingelegt. Erst nach einem knappen Kilometer in dieser Wand wird es etwas flacher. 

Nichts als Wald

Kurz kann ich sogar zwei, drei Gänge runterschalten, doch das nächste steile Stück kommt bald. Um mich herum: nichts als Grün. Wiesen und Wälder. Auch der Autoverkehr hält sich in Grenzen, denn ich bin an einem Wochentag unterwegs. Nach dem Örtchen Boden ändert sich der Charakter des Passes. Er wird kurviger, steiler, ruppiger. Eine Serpentine folgt auf die andere. Nach langen 15 Kilometern und fast 1000 Höhenmetern bin ich oben, auf der Passhöhe, auf 1903 Metern.

Das Vergnügen der Abfahrt ist schnell vorbei. Der Blick auf den Tacho zeigt: Es ging 16 Kilometer bergab, schnelle 16 Kilometer. 

Von Imst aus fahre ich in Richtung Fernpass. Der ist zwar viel leichter als das Hahntennjoch, aber auch stark befahren. Der Anstieg beginnt recht angenehm, mit nur etwa vier Steigungsprozenten, im schönen Dörfchen Nassereith. Um mich herum: viel Wald und viele Autos. Aber auch das kann ein Ansporn sein: dicker Gang, so schnell wie möglich hinauf. 

Abfahrt. Über Biberwier, Lermoos und Reutte komme ich wieder nach Weißenbach am Lech. Jetzt steht nur noch der kleine Gaichtpass im Weg, dann bin ich wieder im Tannheimer Tal. Zeit zu entspannen, die letzten Kilometer werden zur aktiven Erholung. 

In Tannheim, das 1100 Meter über dem Meeresspiegel liegt, bin ich wieder an meinem Ausgangspunkt. Viele der Hotels hier sind auf Radfahrer ausgelegt. Sie bieten Radräume, Wellnessbereiche – und für mich noch wichtiger: üppige Buffets. 

Mehr als Klischees

Tannheim oder seine Nachbargemeinden wie Nesselwängle oder Grän sind ideale Startorte für lange Ausflüge in die Berge. Aber auch kurze, entspannte Touren sind möglich. Eine auf Reifen rollende Bimmelbahn bringt ein paar japanische Touristen dorthin. Ich rolle gemütlich an ihr vorbei. Für den normalen Verkehr ist die Straße gesperrt. Am See werden alle Alpen-Postkarten-Klischees übererfüllt. Da steht ein altes Gasthaus, es gibt Wanderwege, einen Alten mit Bart, der am Seeufer sitzt, ein kleines Holzboot treibt im klaren Wasser, in dem sich die Berggipfel spiegeln. Auf dem Rückweg überhole ich statt der Bimmelbahn eine Pferdekutsche. 

Etwas weiter entfernt, doch ein nicht weniger lohnendes Ausflugsziel, liegt ein weiterer Geheimtipp: der Alatsee. Hierher fahren viele Einheimische, um zu baden. Auch dieser kleine See bietet einen fast schon kitschig-schönen Anblick. Er liegt in einer tiefen Schlucht, direkt an der deutsch-österreichischen Grenze, gerade noch so auf deutscher Seite. Im Hintergrund leuchten die Gipfel der Vilser Alpen. 

Noch mehr „Wow“-Momente kann man erleben, wenn man sich in Richtung Allgäu, genauer gesagt Richtung Füssen, aufmacht. Mit dem Rad braucht man weniger als eine Stunde dorthin. Die „König-Ludwig-Runde“ führt von Tannheim aus genau am Märchenschloss Neuschwanstein vorbei. Vom Tannheimer Tal aus bietet sich das Allgäu als Tourenziel nicht nur für Kulturinteressierte an, sondern für alle, die nicht allzu viele Höhenmeter sammeln wollen. Hier kann man auf kleinen Straßen mit wenig Verkehr seine Runden drehen. 

 

 

Geheime Routen

Kartenmaterial mit fertigen Touren stellt die Tourismusinformation in Tannheim zur Verfügung. 

„Wir haben hier auf jeden Fall einen Standortvorteil“, sagt Michael Keller, der Geschäftsführer des Tourismusverbands – und gleichzeitig der Mitorganisator des Tannheimer Tal Radmarathons. „Eigentlich sind wir hier schon voll in den Bergen drin, aber wegen des vorgelagerten Allgäus doch auch wieder nicht.“ Ob im Sommer oder im Winter: Die Klientel, die hier herkommt, ist oft dieselbe. „Was mir im Winter in den Loipen Leute in Radklamotten entgegenkommen, ist brutal.“ 

Für mein sommerliches Grundlagentraining verrät er mir noch ein besonderes Ziel. Noch ein Geheimtipp.

Wieder fahre ich hinunter ins Lechtal. Links führt ein kleines Sträßchen in den Wald. Keine Autos mehr, auch keine Radfahrer, nichts als Bäume. Dann ist man da, im Hinterwinkel des Landes, in der kleinsten Gemeinde Österreichs, 48 Menschen leben hier: Gramais. Ich steige ab, schaue mich um, und träume – von mir als Nummer 49. |||||

 

Übernachten

Der Bognerhof ist ein familiengeführtes Wellnesshotel in Tannheim, am Eingang zum Naturschutzgebiet Vilsalpsee gelegen. Die Saunalandschaft ist großzügig und beinhaltet auch mehrere Dampfbäder. Der Hausherr ist gleichzeitig Rennrad-Guide. Radfahrern bietet er eine Bike-Corner, Tourenkarten und eine intensive Betreuung. Auch die Mahlzeiten sind radfahrerkonform. 

Bogen 9, 6675 Tannheim, Österreich

Mehr Infos unter: www.bognerhof.at

und: www.roadbike-holidays.com

 

Das Tannheimer Tal

Das vielleicht „schönste Hochtal Europas“ liegt auf etwa 1100 Metern Höhe, in Tirol (Bezirk Reutte), nah an der deutschen Grenze. Im Tal liegen die Gemeinden Nesselwängle, Grän, Tannheim, Zöblen und Schattwald. Das Tannheimer Tal hat mehrfach die Auszeichnung „Österreichs Wanderziel des Jahres“ erhalten. Es ist zudem bekannt durch den gleichnamigen Radmarathon (dessen längste Strecke: 230 Kilometer, 2900 Höhenmeter. Termin: 20. Juli), mehrere Skigebiete, Klettersteige und Badeseen. Tannheimer Tal Tourismus bietet Kartenmaterial zu 22 Rennrad-Touren mit insgesamt mehr als 2500 Kilometern.

 

Mehr Infos unter: www.tannheimertal.com ,  info@tannheimertal.com und www.rad-marathon.at

 

3 Touren:

Tour 1: Zum Hahntennjoch, 135 km, 3513 Hm

Tannheim - Weißenbach - Forchach - Stanzach - Elmen - Pfafflar - Imst - Nassereith - Biberwier - Bichlbach - Reutte - Nesselwängle - Tannheim

 

Tour 2: Plansee-Runde, 151 km, 2185 Hm

Tannheim - Nesselwängle - Weißenbach - Reutte - Plansee - Graswang - Oberammergau - Wildsteig - Halblech - Füssen - Pflach - Tannheim

Tour 3: Voralberg-Runde, 189 km, 4252 Hm

Tannheim - Weißenbach - Forchach - Elmen - Bach - Steeg - Warth - Schoppernau - Schwarzenberg - Hittisau - Oberstaufen - Immenstadt - Sonthofen - Schattwald - Tannheim

 

 

 

Quelle: 

Foto: Gideon Heede