Reise

Jerusalem - die Unerreichbare

25.03.2014

Autor(en): 

Israel Jerusalem Granfondo Radrennen Radmarathon Radreise

Israel. Wir waren im gelobten Land. Zum Radmarathonfahren, zum Sehen, Erleben. Bericht einer Reise durch ein Land, das so anders ist, als man vermutet.

Die Stadt ist eine Fata Morgana. In der Ferne blinken ihre Häuser im Licht der Sonne. In ihrer Mitte, unten im Tal, leuchtet die goldene Kuppel.
Eine Stadt, geschützt von riesigen Mauern aus Stein. Durchzogen von unsichtbaren Mauern aus Glauben. Enge Gassen, in denen sich Pilger drängen. Eine der ältesten Städte der Welt. Ort der Sehnsucht. Unerreichbar. Jerusalem.
Hitze, Durst, Schweiß. Ich versuche es, doch ich komme ihr nicht näher. Vor Stunden habe ich sie verlassen. Frühmorgens, in der Dunkelheit, mit einer Prozession aus 2000 Menschen auf Fahrrädern. Es war kalt, vielleicht 17 Grad. Hinter den Hügeln lag ein zarter orangener Schein, das Glimmen der aufgehenden Sonne.
Jetzt steht sie hoch am Himmel. Und brennt. Auf meinem schwarzen Trikot bilden sich weiße Streifen. Die Salzkristalle funkeln. 33 Grad, kein Wind, kein Schatten. Das ist der Herbst in Israel, das ist der Granfondo Jerusalem, ein Radmarathon um eine Stadt, die die Geschichte der Welt bestimmt hat. 146 Kilometer, 3200 Höhenmeter.

Ein soziales Ereignis

Am Morgen haben die Radfahrer die Straßen für sich. Die Laternen am Wegesrand leuchten in einem warmen Orange, das Licht, das sich auf dem Polizeiauto vor uns dreht, blau. Die Straßen sind breit, keine davon ist flach. Parks, Bäume, das reale Jerusalem ist viel grüner als das in meiner Phantasie.
Wir fahren aus der Stadt in den Sonnenaufgang, ins Licht. Nach zehn Kilometern hält das Polizeiauto vor uns. Alle halten. Neben der Straße steht ein kleines Zelt, zwei Menschen darin, viele volle Wasserflaschen. Keiner geht hin.
Nach zehn Minuten setzt sich das Polizeiauto wieder in Bewegung – und das Feld mit ihm. Es zieht sich auseinander, zerreißt. Bis zur nächsten Pause. Die Polizisten wollen das Feld zusammenhalten. Damit die Autofahrer nicht zu lange warten müssen. Keiner, der mitfährt, hat so viele Pausen erwartet. Kaum einer stört sich daran. Hier ist alles anders.
Bei einem Radmarathon in Europa gibt es einen Startschuss und eine Ziellinie und dazwischen fährt man ein Rennen. Gegen die Zeit, gegen die anderen, gegen sich selbst. In Israel gibt es einen Startschuss, nach dem man losfährt. Man bewegt die Beine – und den Mund. Die Leute reden miteinander. Radfahren ist ein soziales Ereignis.
Neben mir fährt einer in einem weißen Trikot. Er sieht mich an, mein schwarzes Trikot mit dem roten Logo darauf, und sagt: „Und du schreibst also für die RennRad?“ Ein Deutscher. Er lebt und arbeitet seit drei Jahren hier, sagt er. Bei Marathons fährt er regelmäßig mit, es gibt auch viele Rennen, sagt er. „Radsport ist in Israel noch eine junge Sportart, aber sie boomt.“

Bergkönig

Wir fahren nach Kiryat Gat, die Strecke ist flacher geworden, die Landschaft beige, eine Felswüste mit ein paar grüngrauen Punkten, traurige Sträucher, die um ihr Leben kämpfen. „Bald kommt die Zeitnahme“, sagt mein Begleiter, „wenn du vorne ankommen willst, musst du am Hinterrad von dem da bleiben.“ Er zeigt auf einen großen Kerl in einem blauen Trikot. „Dimitry Grabovsky.“ Den Namen kenn‘ ich doch irgendwoher. Grabovsky ist 28, ehemaliger Profi bei Quick Step, U23-Welt- und Europameister. Na toll.
Pause. Alle suchen Schatten. Irgendwo hinter uns sieht man die ersten Häuser von Beit Shemesh. Auf der Straße liegt ein großer bunter Plastikschlauch. Daneben stellt einer einen kleinen Kompressor ab. Der Startbogen wird aufgepumpt. Hier beginnt der Bergpreis: eine breite Straße, sechs Kilometer, 420 Höhenmeter. Kein Schatten.

Countdown, zehn Sekunden noch, Start. Die Fahrer in den weiß-schwarzen Trikots des israelischen IGP-Teams reihen sich vorne ein. Die Taktik ist klar, sie wollen das Rennen schwer machen. Erst sind vier Weiße vorne, dann drei, dann zwei. Dahinter Grabovsky und ich, an meinem Hinterrad ist – keiner mehr. Zwei Kilometer vor dem Ziel beginnen die Attacken. Ich kann nur meinen Rhythmus fahren. Jeder fährt für sich allein.
Oben, am Gipfel, steht ein blauer Zielbogen, luftgefüllt, als wäre er aus Stahl. Kein Windhauch, der ihn bewegen könnte. Ich rolle weiter. In eine leichte Abfahrt, die Straße ist breit, der Asphalt neu,  weite Kurven, durch die man gleitet. Das Gefühl von Freiheit. Das Polizeiauto ist verschwunden.
In die Wüste
Die Landschaft hat sich verändert. Wald, richtiger Wald, gesund, dunkelgrün, der Duft von Harz, Nadelbäume. In ihrem Schatten eine Mischung aus Kiosk und Café, davor ein paar Bänke. Es gibt Sesamschnitten, Bananen, Orangen, Cracker.
Die „Bar Bahar“ zwischen Moshav Ness Harim und Moshav Bar-Giora ist DER Radfahrertreff in der Gegend, vielleicht in ganz Israel, sagt man mir. Ein Mann mit Bart kommt an, lehnt sein Rad gegen einen Baum, nimmt seinen Helm ab. Darunter trägt er eine Kippa. Er nimmt sie ab – und wringt sie aus. Schweiß tropft auf den ausgetrockneten Boden. Salz für die Erde.
Es geht weiter, in die schattenlose Weite der Wüste. Gruppen bilden sich. Irgendwann bin ich in einer, in der Tempo gemacht wird. Neben mir fährt ein dünner, dunkelbraun gebrannter Mann und sieht mich an. „Und du kommst aus Deutschland?“, sagt er. „Ja“, sage ich. „Ist es dir nicht zu heiß?“ Ich muss lachen. Nein, die 33 Grad sind genau richtig. Er ist Schweizer, lebt schon lange hier. Wir unterhalten uns über Angela Merkel, Mountainbiken in der Negev-Wüste, Irans Versuch, die Bombe zu bauen. Nach einer Weile sagt er: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich.“
„Erst die gute.“
„Gleich biegen wir in eine schöne kleine Nebenstraße ab.“
„Und die schlechte?“
„Dann wird’s steil.“
Rechtskurve. Und da steht sie, die Wand. Wie eine erste Verteidigungslinie, wie die äußere Stadtmauer Jerusalems. „Der kann nicht lang sein, der Hügel“, denke ich. Drei Minuten lang, fünf Minuten lang, er hört nicht auf, ich höre auf zu denken. Zwölf Prozent, 14 Prozent Steigung. Ich bin allein. Eine Abfahrt durch ein kleines grünes Tal. Der nächste Berg, die Straße ist eng und steil, das Schild, auf dem steht: ein Kilometer noch. Dann ist sie da, vor mir: die Unerreichbare. Jerusalem.

Die Reise

Zurück im Hotel. In der Lobby ist es eiskalt. Die Aufzugtür geht auf, ich will einsteigen und kann nicht. Eine ältere Frau hält meinen Arm, sanft, und sagt: „Steigen Sie nicht in den. Der braucht ewig, weil er in jedem Stockwerk hält.“ Natürlich sagt sie das auf Englisch. Dann zeigt sieauf das kleine rote Lichtlein, das da neben dem Aufzugrufknopf brennt. Darunter ist ein Pfeil, der auf den rechten Aufzug zeigt. Daneben steht: Shabbath.  Dieser Aufzug ist für die Gläubigen. Für die, die heute keine Knöpfe drücken dürfen. Denn beim Aufzugknopfdrücken entsteht ein winziger elektrischer Funke. Und Feuermachen ist am Sabbat verboten.
Das Abendessen ist wie immer – koscher und unglaublich gut. Am nächsten Morgen fahren wir ans Tote Meer. 400 Meter unter dem Meeresspiegel, es ist der am tiefsten gelegene See der Erde. Man fläzt im Wasser und lässt sich treiben. Wie ein Stück Holz. Ich liege auf dem Rücken und lese in meinem Buch. Nichts lebt in diesem See, kein Mensch kann in ihm untergehen. Der Salzgehalt ist zu hoch. In einer Höhle an seinem Ufer wurden die Schriftrollen von Qumran gefunden, die ältesten bekannten Handschriften der Bibel, angefertigt zwischen 250 vor und 40 nach Christus.
Die Namen der Orte, die in der Bibel stehen, kennt jedes Kind: Nazareth, Bethlehem, Jericho. Sie sind alle hier, nicht weit weg, die Wege in Israel und in die Palästinen-
sergebiete sind kurz. Wo man auch ist, überall Geschichte. Überall Geschichten. Überall Moral, Philosophie, Religion. Überall Leben. Der Jordan führt wenig Wasser. Priester aus Russland und Äthiopien stehen darin, bis zum Bauchnabel, und taufen. In der Negev-Wüste und am Ramon-Krater bauen Mountainbiker Trails. Der Israel Bike Trail soll bald 1100 Kilometer lang sein – und von den Golanhöhen im Norden bis nach Eilat am Roten Meer führen.

Eine andere Welt

Die Zeit der Anschläge ist in Israel lange vorbei. Sieht man die Mauer zu den Palästinensergebieten, sieht man den Konflikt. Überall sonst sieht man nichts, spürt nichts. Keine Angst, nirgends.
Man lebt. Intensiver als anderswo. Die Menschen gehen aus, die Menschen treffen sich, sie essen, sie trinken, sie sind offen. Keine Vorurteile, kein böses Wort gegenüber dem Deutschen. Das Leben wird draußen gelebt. Egal zu welcher Uhrzeit man durch Tel Aviv geht: Die Stadt vibriert. Sie platzt vor Leben, vor Freude am Leben.
Tel Aviv, das ist: Strand, Bars, Cafés, Clubs, Radwege, Bauhaus-Architektur. Tel Aviv ist eine andere Welt. So anders als Jerusalem, 180 Grad anders. In Jerusalem sieht man mehr Militär, mehr orthodoxe Juden in ihren schwarzen Mänteln und Hüten, mehr Touristen, man spürt: mehr Glaube.
Israel ist ein kleines Land. Ein Land der Weltgeschichte. Ein Land der Kontraste. Zwischen Städten, Landschaften, Juden und Palästinensern, Unternehmern und Beduinen, Orthodoxen und Säkularen. Es genügt eine Stadt, Jerusalem, um die Kontraste wie unter einer Lupe  zu sehen: Die Altstadt ist in ein jüdisches, ein muslimisches, ein christliches und ein armenisches Viertel geteilt. In der Grabeskirche ist es kühl. Menschen knien am Boden und reiben einen Stein mit Öl ein. Sie sammeln es mit Tüchern, sie küssen den Stein.
Auf dem Salbungsstein soll die Leiche Jesu auf die Bestattung vorbereitet worden sein. Draußen in den Cafés sitzen 18-, 20-jährige Mädchen in Uniform, trinken Kaffee und tippen auf ihren Smartphones rum. Im Park liegt ein Dutzend M16-Sturmgewehre auf einem Haufen. Daneben döst ein junger Soldat im Schatten einer Palme. Seine Kameraden spielen weiter hinten Fußball.

Das ist Israel

Junge Israelis laufen durch Yad Vashem, die Gedenkstätte für die sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden. Das ist Israel: Die Technoclubs von Tel Aviv, der Ölberg, der Jordan, das Tote Meer, Landwirtschaft, High-Tech-Industrie, die Festung von Masada, das Gedenken an die Shoah. Eine Nacht meiner Reise durch das Heilige Land verbringe ich im Kibbuz Nahshonim, direkt am Strand, das Mittelmeer endet 100 Meter vor meinem Bungalow. Frühmorgens fahre ich los, mit dem Mountainbike, immer am Strand entlang bis Caesarea. Zwischen Bergen aus Sand und aus Wasser – Dünen und den Wellen des Meeres. Alle paar Minuten komme ich an riesigen Zelten vorbei, zum Strand hin offen: Hängematten, Sofas, Kühlschränke, Musikanlagen, die Jugend feiert. Irgendwann taucht neben mir ein Aquädukt auf, römisch, halb zerfallen. Dahinter die Ruinen einer Festung der Christen, der Kreuzfahrer.
Sand, Wüste, Meer, Berge, Sonne, Felsen, Lebenslust, Geschichte, Religion. Das ist Israel.  

 

Von David Binnig

 

Quelle: 

Binnig / Fotos: Topelberg, bikepanel.com