Reise

L‘Alpe d‘Huez: Götterdämmerung

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Auf einem heiligen Berg leben Götter, die dort ungestört Betrachtungen über die Welt anstellen, umgeben von nichts als unberührter Natur. Keine Menschen, schon gar keine Nachbarn, kein Lärm, dafür ein unverbauter Panoramablick – so sollte ein anständiger heiliger Berg aussehen, könnte man meinen. Der Olymp bietet eine solche Wohnumgebung, der Mount Fuji und der Kilimandscharo auch. Nur einer der mythischen Gipfel sieht völlig anders aus: L‘Alpe d’Huez ist eine einzige Bausünde. Hellgraue Betonbunker stehen neben holzverkleideten Plattenbauten. Ein Anstieg mit 21 Kehren führt hinauf in das Touristenaufbewahrungsörtchen. Auf den heiligen Berg des Radsports.

Aus hässlich wird heilig
Zwischen 400.000 und einer Million Menschen „pilgern“ jedes Mal an die Strecke, wenn die Tour de France vorbeikommt. In diesem Jahr wird der Berg zur Ruhe kommen. Zumindest einigermaßen - denn die Tour lässt den Berg heuer aus. Dennoch werden zwischen  800 und 1000 Radfahrer täglich den Anstieg bezwingen. Der Sommer 2012 bietet die Gelegenheit, zu ihnen zu gehören. Zu den Bezwingern des mythischen Berges. Die Entwicklung zum Radsport-Heiligtum begann 1952 - aus einem recht unheiligen Grund: Werbung. Die Tour sollte das Dorf bekannt machen. Und sie tat es.
L‘Alpe d’Huez kann heute etwa 1.500 Einwohner und 35.000 Hotelbetten vorweisen. 1952, bei der ersten Zielankunft, gewann ein gewisser Fausto Coppi die Etappe und später auch die Tour. Ein Jahr später luden die Organisatoren den Campionissimo nicht wieder ein. Sie wollten verhindern, dass das Rennen durch seine Dominanz langweilig wird. Erst 24 Jahre später, 1976, führte die Tour wieder hinauf nach L‘Alpe d’Huez. Wieder gewann ein großer Fahrer: Joop Zoetemelk, der Olympiasieger und Rekord-Teilnehmer der Tour. 16 Mal war er am Start, 16 Mal erreichte er das Ziel in Paris. Zoetemelks Tourbilanz ist beeindruckender als die von Alpe d‘Huez: Der Anstieg ist weder der längst noch der steilste der Tour und überhaupt war er erst 27 Mal Teil der Runde um Frankreich. Trotzdem kann man heute fast sicher sein, dass in jedem Medienbericht über ihn das Wort „Mythos“ auftaucht. Im traditionellen religiösen Sinn ist ein Mythos etwas, das die Welt der Menschen mit der Welt der Götter verknüpft. So ähnlich kommt auch ein heiliger Berg an seine Heiligkeit: Indem Menschen in ihm eine Verbindung zwischen Erde und Himmel sehen, eine kosmische Brücke nach oben. Vielleicht erklärt dieses Hintergrundwissen auch die wunderliche Tatsache, dass Alpe d‘Huez so oft als Wallfahrtsort oder Mekka der Radsportfans bezeichnet wird.
Teuflische Steigung, göttliche Leistung
Auf den ersten Blick ist dieser Anstieg einer wie viele andere: 14,5 Kilometer lang, 1100 Höhenmeter, 7,8 Prozent durchschnittliche Steigung. Gemeinerweise beginnt er sehr steil, um danach nie wirklich flacher zu werden. Ein durchschnittlich trainierter Hobbyfahrer braucht zwischen 60 und 100 Minuten bis oben. Ein solch normaler Mensch hat keine Chance, auf dem Gipfel unsterblich zu werden. Ein Profi schon. Wer hier am Ende einer Tour-Etappe als Erster ankommt, wird in eine Art Olymp aufgenommen. Sein Name wird alle Zeiten überdauern, auf einer Tafel in einer der 21 Kurven, die auch unter dem Kosenamen „die Kehren des Teufels“ bekannt sind.
Weiß sind die Schilder, mit einer blauen Zahl darauf. Sie zeigen an, wie viele Kurven einem noch bevorstehen. Wer ganz unten schon am Anschlag fährt und die Zahl 21 liest, kann sie durchaus für das Werk des Teufels halten. Unter der Kurvennummer stehen die Namen der Helden, der Etappensieger. Der Name, der in der ersten Kurve verewigt ist, lautet: Guiseppe Guerini. Jener spindeldürre Italiener, ein Angehöriger der Fahrergattung „Bergfloh“, fuhr 1999 als Solist gen Ziel, als sich ihm dunkle Mächte in den Weg stellten. In Person eines Zuschauers, der mit seinem Fotoapparat mitten auf der Straße lungerte. Guerini konnte nicht mehr ausweichen und stürzte, 800 Meter vor dem Ziel. Doch, und das spricht gegen den Verdacht, dass der Teufel seine haarigen Finger im Spiel gehabt haben könnte: Der Telekom-Profi stieg wieder auf‘s Rad, fuhr weiter und gewann.

Heldenepen
Guerini ist der letzte Etappensieger, der eine Tafel für sich allein hat. Seit der Tour de France 2001 gibt es mehr Sieger als Schilder. Deshalb müssen sich seither zwei Helden eines teilen. Die beiden Namen, die ganz oben in der letzten, der einundzwanzigsten Kurve verewigt sind, gingen in die Geschichte ein: Fausto Coppi und Lance Armstrong.
Außer diesen beiden hat nur Carlos Sastre sowohl in L‘Alpe d’Huez als auch die Gesamtwertung der Tour gewonnen. Der Triumph in dem Skiort ist offenbar kein gutes Omen für den weiteren Weg gen Paris. Jedoch gibt es in Alpe d‘Huez keine Zufallsgewinner. Hier kommt keiner an, der zufällig in der richtigen Ausreißergruppe war. Hier gewinnen die Stärksten - nachdem sie die Zweit- und Drittstärksten abgehängt haben. L‘Alpe d‘Huez ist Schauplatz vieler großer Duelle: Contador gegen Schleck zum Beispiel, Armstrong gegen Ullrich, LeMond gegen Hinault. 1986 boten der US-Amerikaner und der Franzose die ganz große Show. Die Teamkollegen und Rivalen Greg LeMond und Bernard Hinault fuhren Rad an Rad die Kurven hinauf - und Hand in Hand über die ZiellinieLeMond überließ Hinault den Sieg, und übernahm das Gelbe Trikot.  Die ganz Großen des Radsports taten viel für den Ruf des Berges mit den 21 Kehren. Klar, dass auch der Mann, der schneller als jeder andere hinauf fuhr, einen bekannten Namen hat - sogar mehr als einen: Elefantino wurde er wegen seiner abstehenden Ohren genannt, Pirata wegen seines Kopftuches, bürgerlich hieß der Rekordhalter Marco Pantani. Seine Zeit 1997: 37:35 Minuten. Der Pirat starb 2004 mit 34 Jahren an einer Überdosis Kokain.
Wie ein Mensch so schnell einen Berg hochfahren kann, ist eines der vielen großen Rätsel unserer Zeit. Zumindest haben sich auch wissenschaftlich ambitionierte Menschen damit beschäftigt. Sie fanden heraus, dass jedes Kilogramm, das man am Berg mitschleppt, einen Zeitverlust von etwa einem bis 1,5 Prozent verursacht und dass der 56-Kilogramm-Floh Pantani bei seiner Rekordfahrt eine mittlere Leistung von etwa 403 Watt erbrachte. Selbst der nicht mehr menschlich erscheinende Überfahrer Lance Armstrong kam nicht an diese Zeit heran. Er brauchte für den Anstieg 2004 eine Sekunde länger: 37:36 Minuten. Der US-Amerikaner kurbelte dafür mit einer durchschnittlichen Trittfrequenz von 90 Umdrehungen pro Minute.
Die Leiden des jungen Lance
Am selben Anstieg zeigte Armstrong auch, dass er mehr kann, als nur schnell treten. Er ist als einer von ganz wenigen Männern auf Erden voll multitaskingfähig: 2001 fuhr er zum Beispiel gleichzeitig Rad und vollführte nebenbei noch ein beeindruckendes Schauspiel. Er spielte authentisch, emotional, überzeugend. Zumindest Jan Ullrich und sein Team Telekom waren voll überzeugt. Armstrong litt und quälte sich, er verzog das Gesicht, fuhr am Ende der Gruppe – um dann am Anstieg gen Alpe nach vorne zu sprinten, Ullrich tief in die Augen zu schauen und zu attackieren. Der US-Amerikaner gewann die Etappe und damit auch die Tour. Mal wieder.
Solchen Duellen, Kämpfen, Dramen verdankt L‘Alpe d‘Huez seinen Ruf. Und den Medien. Und der Landschaft. Doch Hauptverursacher der Verklärung dieses Alpen-Anstiegs ist niemand anders als: Sie. RennRad-Leser und andere Radsportfans machen das Rennen gen Gipfel zu einem SpektakelIndem sie darüber reden, andächtig vor dem Fernseher staunen oder weniger andächtig an der Straße stehen und brüllen. Hunderttausende Fans reisen Tage vorher an, sichern sich einen Platz für ihr Wohnmobil oder Zelt und kleiden sich festlich. Zum Beispiel in Orange.
Ausgerechnet die Farbe der niederländischen Flachländer ist die dominierende in Alpe d’Huez. Der Anstieg gilt nun mal als „Berg der Holländer“. Die Küstenbewohner gewannen acht der ersten 14 Ankünfte in dem Skiörtchen. Der Legende nach war der örtliche Pfarrer in den 1970er Jahren ein Niederländer - und ließ vor jedem Anstieg die Kirchenglocken läuten. Ohne den göttlichen Beistand ging es bergab: Der letzte niederländische Sieg ereignete sich im Jahre 1989.  L‘Alpe d‘Huez ist eben ein mythischer Ort. Um so weit zu kommen waren weder Gott noch Teufel nötig. Ein Mythos wird zum Mythos, indem man ihn oft genug als Mythos bezeichnet.    

Allgemeine Informationen

Die Gegend um L‘Alpe d‘Huez bietet noch viel mehr als den Anstieg mit den 21 Kehren. Während der Tour ist das Örtchen völlig überlaufen, doch auch in den restlichen Sommermonaten, vor allem zwischen Juni und September, ist die Gegend in den Savoyer Alpen einen Ausflug wert. Zwischen Grenoble und Gap, umgeben von Nationalparks, bietet die Region schmale Straßen, schöne Landschaften, gutes Essen - und Namen, die das Radsportlerherz höher schlagen lassen: Col du Galibier, Col de la Madeleine, Col du Télégraphe, Les Deux Alps. Hier kann jeder Tour-de-France-Monumente erleben und erfahren.
Infos: www.alpedhuez.com
Anreise: Von München aus ist man mit dem PKW rund neun Stunden unterwegs - Richtung Bodensee, durch Österreich und die Schweiz, insgesamt 810 Kilometer: Auf der A96 bis Lindau, in Österreich auf die A14, dann die E40, die auch in die Schweiz führt, dort über A1, E25, E27 und E62 auf die A41 bis Grenoble, dort auf die N85. Der Flughafen Grenoble wird von Deutschland aus leider nicht angeflogen.
Übernachtungen: Im Hotel Florentin kostet die Übernachtung im Einzelzimmer, je nach Saison, zwischen 47 und 70 Euro (Tel. +334 76 80 01 61). Etwas weiter weg ist das Hotel La Poste, auch hier gibt es eine eigene Garage für Fahrräder (www.hoteldelaposte.net). Das Hostel Florineige offeriert wenig Komfort, aber günstige Übernachtungspreise zwischen 25 und 30 Euro (Tel. +334 76 11 13 13).
Touristische Empfehlungen: Die Seilbahn auf den Gipfel des über L‘Alpe d‘Huez liegenden Pic du Lac Blanc wird auch im Sommer genutzt. Denn oben, auf dem Sarenne-Gletscher, ist oft noch das Skilaufen möglich. Wer auf dreckiges Terrain ausweichen will: Die Region bietet 31 markierte Mountainbike-Routen und elf permanente Downhillstrecken. Mehr Infos dazu finden sich zum Beispiel bei dem Anbieter: www.alpedhuezbike.com