Reise

Von Mensch und Städtern - eine Kolumne von Sebastian Paddags

21.07.2016

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Rennfahrer haben Spitznamen. Eddy Merckx war der „Kannibale“, Fabian Cancellara ist „Spartacus“ und André Greipel der „Gorilla“. Bei Eddy hatte der Name aus meiner Sicht rein gar nichts mit seinen Essgewohnheiten zu tun. Bei mir vielleicht schon eher.

Mich nannten sie damals liebevoll: „der Dicke“. 

Den Namen haben mir meine Teamkollegen, vor einem reichlichen Jahrzehnt, zu meinen Zeiten als U23-Rennfahrer verpasst. Im Vergleich zu 99,99 Prozent der anderen Menschen, die man bei diesen internationalen Lizenzrennen sah, war ich eben nicht zwingend im optischen Rennfahrer-Durchschnitt. Das heißt: Ich war kein Strich in der Landschaft. Oder zumindest ein mit Filzstift gemalter. Heute würde ich sagen: Ich war schöner und gesünder. 1,72 Meter, 68 Kilogramm – bei gutem Wetter und viel Training.

Damals dachte ich anders, aber im Nachhinein betrachtet, hatte ich noch Glück mit dem Namen. Für einen anderen sehr starken Nachwuchsfahrer mit ähnlichen Körpermaßen, der es übrigens später in die erste Liga des Radsports schaffte und beim Giro d’Italia am Start war, hatten seine Teamkollegen einen viel schlimmeren Spitznamen gefunden: Sie nannten ihn nur „die Mugel - halb Mensch, halb Kugel“. 

Der Rhythmus meines Lebens

Tja, Rennfahrer und ihre Macken. In einer Ausdauersportart hat man eben genug Zeit, auf blöde Gedanken zu kommen –  aber ganz ehrlich: Wer schon wegen seines Spitznamens jammert, ist im Radsport sowieso verkehrt. Heute, zehn Jahre nach der Radkarriere, habe ich mir den Namen schon eher verdient. Mittlerweile stehe ich zu ihm und trage ihn mit Stolz. Gut: Selbst wenn ich ihn hassen würde, müsste ich ihn trotzdem den Rest meines Lebens mit mir rumtragen, ob ich wollte oder nicht. Radfahrer sind Traditionalisten mit Elefantengedächtnis.

Man nimmt Vieles mit aus solch einer Zeit. Training, Rennen, Training, Rennen, Rennen, Training. Diesen Rhythmus nannte ich mein Leben. Bundesliga, Weltcups, DM, WM. Müsli essen, Fahrrad fahren, Nudeln essen, schlafen – und am nächsten Morgen alles wieder von vorn. Aus heutiger Sicht betrachtet ein wirklicher Traum. Jeden Tag frische Luft, viel Bewegung und dauernd Leute mit den gleichen wilden Gedanken um einen herum … 

Das sogenannte „Rennfahrer-Ich“ von damals ist heute noch immer in meinem Kopf. Meistens versteckt es sich irgendwo hinter Gedanken, die die Arbeit betreffen oder den nächsten Ikea-Einkauf. Aber manchmal rumpelt es und will raus. Wenn das auf dem Rad passiert, habe ich ein Problem, beziehungsweise zwei: die Beine. Der Sportwagen-Motor von früher mit seinen 25.000 Kilometer Jahresleistung ist zu einem SUV-Aggregat geworden. Er stottert und rostet langsam vor sich hin. 

Ich wohne inzwischen in Berlin, in Charlottenburg. Da, wo der „Ku`damm“ ist. Keine fünf Kilometer von der „Krone“ entfernt. Die Krone ist in Berlin so was Ähnliches wie der Central Park in New York. Jeder Radfahrer kennt sie. Du kannst da eine nette 21-Kilometer-Runde fahren, gute sieben davon gänzlich ohne Autos. Es gibt sogar ein paar Anstiege – in jedem anderen Kontext würde man dieses Wort in Anführungszeichen stellen, aber man bedenke, dass wir hier von Berlin sprechen. Pro Runde kannst du unglaubliche 160 Höhenmeter sammeln. Somit ist die Krone der perfekte Ort für wissenschaftliche Untersuchungen, Psychogramme und sonstige Verhaltensmuster zur Spezies des Rennradfahrers in freier Wildbahn. Denn hier sind sie alle. ALLE. 

Ein Soziogramm der Radfahrer

Einer der eben erwähnten Berge ist der „Willy“ mit etwas mehr als eintausend Metern Länge und gefühlten 100 Höhenmetern. Der Name kommt vom obendrauf stehenden Phallussymbol, dem „Kaiser Wilhelm Gedächtnis Turm“. Und genau hier starb ich meinen ersten Tod der Saison. Nach dem Winter bin ich dort an einem Samstag bei angenehmen elf Grad und etwas Sonne seit Ewigkeiten Mal wieder drei Runden im Kreis gefahren. Zu den gefühlt ersten Kilometern des Jahres gab es den ersten Hungerast 2016 gleich gratis dazu. 

Ohne die für den Schreiberling typische Übertreibung zu verwenden, behaupte ich, dass ich während der fast drei Stunden mehr als 400 Rennradfahrer plus mindestens noch Mal so viele Menschen auf Rädern mit breiteren Reifen gesehen habe. Dass mir dabei bei etwas über zehn Grad Lufttemperatur auch mindestens 20 Mann in „Kurz/Kurz“ entgegen gekommen sind, ist kein neues Phänomen. Allerdings frage ich mich immer wieder, was eigentlich in diesen Menschen vorgeht. Die können mir doch nicht erzählen, dass denen nicht kalt ist. Es sei denn, sie kommen direkt ausm Berghain. Die Sonnen- beziehungsweise Kältefetischisten sind aber nicht die einzige interessante Rennradgruppe auf der Krone. Da gibt es auch noch die Typen mit den Fixies: Ein altes Stahlrad, ein starrer Gang, keine Bremse, dafür aber auch kein Helm auf dem Kopf, sondern eine Radmütze, wilder Bart im Gesicht, Tattoos auf den Armen und Beinen. Wenn einer die Berechtigung für temperaturunabhängiges „Kurz/Kurz“ hätte, dann eigentlich diese Jungs. Bei denen gibt es wenigstens was zum Gucken.

Nach zweieinhalb Stunden auf dem Rad bin ich froh, als ich mich hinter einem Zwei-Meter-Mann in voller Telekom-1998-Profi-Montur etwas ausruhen kann. Das geht so circa zwei Kilometer lang gut, dann schert Hightower aus, fährt neben mich und brüllt: „Alter, verpiss dich aus meinem Windschatten oder es setzt was!“ 

Ich bekomme einen Lachanfall und fahre mit fünf Meter Abstand hinter ihm her. Bis nach Hause. Am Willy trifft man sie eben, die großen Kinder auf Rädern, alle, die man sich nur vorstellen kann – oder besser auch nicht. Ein Paradies für Soziologen. Und Radfahrer. Ich bleibe am Ball – oder am Rad. 

 

Euer Paddi
 
 

Infos über den Autor

„Paddi“ Sebastian Paddags, 31, ist dem Radsport verfallen. Und Berlin. Er war im Kader der deutschen Nachwuchs--National-Mannschaften, Deutscher Meister der Schülerklasse 1997 und bei hunderten Rennen am Start. Jahrelang schrieb er als Blogger über seinen Sport. Heute ist er noch regelmäßig als Moderator bei Profirennen dabei. 

 

 

Quelle: 

Foto: Cor Vos

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