Reise

Mit dem Rennrad durchs Salzburger Land

22.04.2014

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Mit dem Rennrad ins Salzburger Land. Tipps und Touren für Rennradfahrer

Alles, was ich an schönen Gegenden gesehen habe, ist nach meinem Gefühl nur sehr wenig gegen Salzburgs himmlische Naturschönheiten.“ Und Wolfgang Amadeus Mozart, der diesen Satz gesagt haben soll, hat in seinem Leben so einiges gesehen. Nur eines blieb dem gebürtigen Salzburger verwehrt: die himmlischen Naturschönheiten vom Fahrradsattel aus genießen zu dürfen. Das Fahrrad war nämlich zu seinen Lebzeiten Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht erfunden. Da ist dem guten Wolferl aber etwas entgangen, denke ich mir. Mein Trainingspartner Peter und ich konnten uns die letzten vier Tage schon einrollen, hinauf ins Salzburger Seenland, mit kühlender Badepause im türkisfarbenen Mattsee und rüber zum Fuschlsee, und sind nun heiß auf drei ausgewählte herausfordernde Highlights, von denen das Salzburger Touren-Repertoire so einige auf Lager hat. 91 Kilometer lang ist die erste unserer drei Highlight-Runden. “Klang fast nach Ruhetag”, lacht Peter hinter Bad Dürnberg, das ein sehenswertes Salzbergwerk beheimatet, und schaltet zwei Gänge runter. “Wenn nicht jetzt so eine Wand im Weg stehen würde.”

Zum Kaiserschmarrn aufs Roßfeld
Von Eugendorf, ein Stückchen nördlich von Salzburg, aus sind wir gestartet, über Thalgau, Hof und Ebenau ging es leicht wellig dahin und durchs Wiestal nach Hallein hinunter. Links türmte sich zunächst die Osthorngruppe auf, eine Bergkette, die sich bis zu den Gipfeln mit Bäumen schmückt. Vor uns thronen die majestätischen Berchtesgadener Alpen im sogenannten kleinen deutschen Eck, mit dem Hohen Göll, und hinter dem Königssee wartet der sagenumwobene Watzmann. Vor uns links das Tennengebirge, dahinter das gewaltige Dachsteinmassiv, das bereits in Oberösterreich liegt. Und jetzt steht der Anstieg zum Roßfeld zwischen uns und unserem – wie wir jetzt schon wissen – wohl verdienten Mittagessen. Auf gehts zur Kletterpartie. Extrem steile Rampen bleiben uns zwar erspart, aber die durchschnittlichen 12 bis 14 Prozent lassen die Oberschenkel nach einigen Kilometern doch ganz schön brennen – Flachstücke zum Erholen sind nämlich Fehlananzeige. Ich bin froh über mein drittes Kettenblatt .

Figurbewusste Sissi
Wir passieren die Staatsgrenze, erreichen den Roßfeldring bei Oberau und damit die Baumgrenze. Am Parkplatz Roßfeld ist eine Fotopause unvermeidbar, die Aussicht auf die Zacken des Hohen Göll und auf die umliegenden steinernen Berge ist zu beeindruckend, um einfach nur weiterzukurbeln. Auf einem
schmalen Gebirgsgrat geht es das letzte Stück bis zur Roßfeldhütte direkt an der Panoramastraße – die Karte lockt mit lokalen Köstlichkeiten. Schweren Herzens entscheiden wir uns nicht für die duftende Schlemmerpfanne, sondern für eine kleine Portion Kaiserschmarrn respektive Apfelstrudel, um das plötzliche Eintreten des kulinarischen Trägheitsgesetzes auf der Rückfahrt zu vermeiden. Hmm, lecker! Gute Entscheidung.

„Warum heißt der Kaiserschmarrn eigentlich Kaiserschmarrn?” Die Legende sagt: Als einst die figurbewusste Sissi wieder einmal das Dessert verweigerte, schnappte sich ihr Franzl, also Kaiser Franz Joseph I., kurzerhand ihren Teller, mit den Worten: “Na geb‘ er mir halt den Schmarren her, den unser Leopold da wieder z‘sammenkocht hat.” Über St. Leonhard rollen wir zurück in Richtung Salzburg. Über den Ortsteil Anif, der langjährigen Heimat von Herbert von Karajan, und Salzburg-Gnigl sowie den Bahnradweg geht es zurück zum Ausgangspunkt Eugendorf. Die Ischlerbahn, die ab Ende des 19. Jahrhunderts das Salzkammergut durchzog und Salzburg mit Bad Ischl verband, bescherte dem Ort einen großen Aufschwung – heute verläuft über die ehemalige Bahntrasse der Ischlerbahn-Radweg, den der Mozart-Radweg mitbenutzt.

Auch am nächsten Tag starten wir in dem 6500-Seelen-Dorf, das auf eine Vergangenheit bis ins frühe Mittelalter zurückblickt. Adelsgeschlechter wie die Kalhammer – deren Wahrzeichen, der Steinbock, ziert noch heute das Eugendorfer Wappen –, auch Ritter wie die Pabenschwandter oder Knuttinger siedelten hier. Und seit sechs Jahren bekommt Eugendorf auch einmal im Jahr den großen Eddy Merckx zu Gesicht.

 

Auf den Spuren von Eddy Merckx
Da sich der fünffache Tour de France-Sieger im Winter in die Gegend verliebt hatte, wurde 2007 der Radmarathon Eddy Merckx Classic ins Leben gerufen, dessen Schirmherrschaft der Belgier übernahm. Die nächste Wettfahrt auf der anspruchsvollen, 161 Kilometer langen Strecke findet am 8. September 2013 statt. Auch verkürzte Varianten mit 107 und 60 Kilometern sind geboten. Eddy
Merckx höchstpersönlich ist regelmäßig mit am Start. Teile der Route kennen wir schon, hinauf ins Salzburger Seenland und nach
Fuschl. Heute haben wir uns für die gesamte Classic-Route ein flottes Renntempo vorgenommen. Die schnellsten Damen benötigten 2012 fünf Stunden dafür. Das wollen wir ebenfalls schaffen, für die leicht verkürzte Ganzjahresstrecke, die knapp 147 Kilometer und gut 2000 Höhenmeter misst. Über das Benediktinerstift Michaelbeuern geht es nach Mattighofen, in die Heimat der Fahrrad- und Motorradschmiede KTM, dahinter rasant hinunter nach Lochen und Straßwalchen durch den Flachgau bis zum Mondsee, einer echten Geheimtipp-Region für Rennradfahrer. Rund um den Mondsee liegen wenig befahrene Nebenstraßen, die durch flaches Terrain in Kombination mit knackigen Anstiegen führen und viele Tourenmöglichkeiten bieten. Und, nicht zu vergessen: hier findet am 30. Juni zum 27. Mal der Mondsee-5-Seen-Marathon statt, der Strecken über 200, 140, 80 oder 25 Kilometer bietet und so einlädt, die Region mit dem Rad zu erkunden.

Am Fuschlsee passieren wir das eindrucksvolle Gebäude der Red Bull-Zentrale. Südlich funkelt der Wolfgangsee. „Zum Baden bleibt heute keine Zeit, der Schnitt darf nicht versaut werden”, mahnt Peter. Wir haben noch vierzig Kilometer vor uns, davon einen längeren Anstieg bei Koppl vor den Toren der Festspielstadt Salzburg, und wir sind schon knapp vier Stunden unterwegs. „Wie wäre es mit einem Verlängerten?”, schlage ich vor und zerstöre damit jede Restmotivation es doch noch zu schaffen. Die Verlockungen Salzburgs mit seinen gemütlichen Cafés, den urigen Gassen rechts und links der Salzach und den schönen Plätzen sind zu stark, wir zu schwach. Nach exakt fünf Stunden und 133 Kilometern lassen wir uns auf zwei Stühle am Residenzplatz fallen und genießen einen Verlängerten und einen Braunen, zwei österreichische Kaffeespezialitäten. Erst danach rollen wir gemütlich zum Ausgangspunkt in Eugendorf zurück – ich hoffe, Eddy Merckx drückt ein Auge zu. Zumal wir ja für die ebenso lange Tour zum Hochkönig ein paar Körner sparen sollten.

Der „Grasberg“
Ein guter Ausgangspunkt für Touren ins Tennengebirge ist Golling.  Die Slawen gaben dem Ort seinen Namen – „mit Gras bewachsener Berg“ –, und im Spätmittelalter fand er erstmals Erwähnung als Marktgemeinde. Das Museum Burg Golling dokumentiert mit Fossilien, Felsritzzeichnungen, sakralen Objekten und Münzsammlungen die Geschichte, und jeden Sommer findet ein großes Mittelalterfest auf der Burg statt. Aber auch an Naturschauspielen hat die Tennengau-Gemeinde so einiges zu bieten: Auf der anderen Salzachseite, am Fuße des Göllmassivs, kündigen sich tosend die Gollinger Wasserfälle an, deren Wassermassen sich über 75 Meter in die Tiefe stürzen.

150-Kilometer-Highlightour
An der Salzach entlang führt uns unsere dritte, knapp 150 Kilometer lange Highlighttour von Golling aus zuerst nach Berchtesgaden zum Königssee, dem See mit dem berühmten Echo. Mit 20 Prozent ist die Steigung hinauf zum Hintersee echt giftig. Das Grenzstüberl ist meine Rettung, unter dem Vorwand einer Pinkelpause steige ich ab und erst nach einer Brotzeit wieder aufs Rad. Nach der Stärkung rollen wir nach Saalfelden und nehmen in ruhigem Tempo den Filzensattel in Angriff. Die Kletterei lohnt sich, es eröffnet sich ein herrliches Panorama in die Sportwelt Amadé und wir erahnen, wo im Winter die Skifahrer ihre Schwünge ziehen. Hinter Bischofshofen, wo im Januar das berühmte Dreikönigs-Skispringen stattfindet, entdecken wir hoch über uns die Burg Hohenwerfen. Ganz in der Nähe verzaubert die Eisriesenwelt die Besucher, die größte Eishöhle der Erde. Jedes Jahr entstehen bizarre Eisformationen, wenn die kalte Winterluft, die sich innerhalb des Höhlensystems gesammelt hat, im Frühjahr das eindringende Schmelzwasser gefrieren lässt – feste Schuhe und warme Kleidung sind hier ein Muss. Eine tolle Idee für unseren Ruhetag morgen ...  |||||
 

Quelle: 

Foto: Christian Drews