Reise

Mittelerde - Eine Reise nach Neuseeland

10.06.2015

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Remember you paid for this“, steht auf dem Schild am Straßenrand, ich kann es gut lesen, denn ich schleiche mit etwa acht km/h an ihm vorbei. Jeder Tritt eine Qual, seit Ewigkeiten schon. Vor mindestens 20 Kilometern begann, wofür ich herkam, all die Kilometer, all die Stunden im Flugzeug: eine neue Erfahrung. Nur hatte ich mir die irgendwie anders vorgestellt.

Ich habe die schlimmsten Krämpfe meines Lebens. Beide Waden, beide Oberschenkel, jede Muskelfaser blockiert. Unrunder kann man kaum treten. Es fühlt sich so an, als sei das Kettenblatt quadratisch. Der einzige Trost: Die anderen um mich herum sehen erstaunlicherweise auch nicht viel besser aus als ich. Es ist die steilste Stelle des letzten Berges dieses Rennens, wir haben 140 Kilometer in den Beinen.

Ich bin völlig außer Form. Es ist Ende November, die Saison ist lange vorbei. Winter eben. Hier hat es 15 Grad, ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit. In drei Tagen ist Sommeranfang. 

Wir fahren in einer Einerreihe, auf der linken Straßenseite. Die Landschaft kommt einem bekannt vor, und doch ist sie fremd. Das Grün ist intensiver, das Wasser hat eine andere Farbe. Alles ist anders. Es ist die andere Seite der Welt.

Das größte Rennen des Landes

Hatepe Hill heißt der Hügel, den ich mich hinaufquäle. Er ist kurz, vielleicht 1,5 Kilometer, eine Kleinigkeit, ein Hügelchen, eigentlich. Wenn man in Form wäre, wenn es nicht mitten im Winter wäre, wenn die anderen nicht so schnell wären, wenn man nicht schon 140 Kilometer lang gegen Gegen- und Seitenwind gekämpft hätte. Oben, es wird flacher, ein seltener, weil klarer Gedanke: „Ich bin noch dran. Unglaublich.“ Links neben der Straße glitzert es, eine riesige Wasserfläche, der größte See des Landes, der See, an dessen Ufer wir heute Morgen um sieben Uhr gestartet sind, der See, den wir jetzt fast umrundet haben – und der diesem Rennen den Namen gab: Lake Taupo. 

Sein Wasser ist klar, an manchen Stellen dunkel-, an manchen hellblau, an anderen grün. Niemand schaut nach links. Jeder ist über den Lenker gebeugt. 45 km/h. 20 Kilometer noch. Finale. 

Die Lake Taupo Cycle Challenge gibt es seit 38 Jahren. Damals fuhren ein paar Einheimische um den See. Heute sind mehr als 8000 Menschen aus 23 Nationen dabei. 2500 davon gehen auf die lange Strecke. Es ist das größte Radrennen Neuseelands.

Sportstadt

Taupo liegt zentral, mitten auf der Nordinsel, 22.000 Einwohner, für neuseeländische Verhältnisse ist es eine Großstadt. Um halb sieben Uhr morgens an diesem 27. November quellen die Straßen über vor Fahrrädern und Menschen in engen Trikots. Schon vor dem Start läuft alles perfekt ab, reibungslos. Jeder steht in seinem Startblock. 

Pro Block werden weniger als 100 Fahrer auf einmal auf die Strecke geschickt, zwei Minuten später dann der nächste Block. Ich habe mich natürlich für die erste, die schnellste Gruppe angemeldet. Vorher fand in mir ein innerer Dialog statt. Er war kurz. Und die Vernunft hat mal wieder verloren. 

Um mich herum: das beste Material, ausgezehrte, durchtrainierte Menschen, denen man ansieht, dass sie ständig solche Rennen fahren. Der Radsport boomt in Neuseeland. Im Frühling und Sommer finden mehrere Rennen pro Woche statt. Start. „Es ist ein Rennen um einen See“, haben sie gesagt. „Dann muss es flach sein“, habe ich gedacht. Logisch. Es geht raus aus Taupo – und weg vom Wasser. Rein in die Hügel des Umlandes. 

Auenland

Hier wird einem einer der vielen Zauber Neuseelands bewusst: Viele der unzähligen Landschaften dieses Landes kommen einem irgendwie bekannt vor. Ein Hügel nach dem anderen, alles ist grün. Man erwartet, in diesen Hügeln kleine Schornsteine, aus denen Rauch aufsteigt, zu sehen, und runde Holztüren, die hinein führen. Wiesen, dahinter dunkelgrüne Wälder. Man denkt: Mittelerde, das Auenland, das Land der Hobbits. Hier, in solchen Landschaften, wurden „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ gedreht. Doch auch ohne diese Assoziationen fühlt man etwas beim Anblick dieser Wälder, dieser rauen Landschaft, dieser schroffen Felsen, dieser Weite. Etwas Mystisches.

Weite, Leere, Natur

Jetzt bleibt keine Zeit für Träumereien. Gleich zu Beginn ist das Tempo jenseits der Komfortzone. Auch das Schild am ersten richtig langen Hügel verheißt Böses: „This hill is a bitch.“ Ja, das ist er, er zieht sich und wird immer steiler. Dann, die Abfahrt, der nächste Blick auf die schon wieder veränderte Landschaft um uns herum, die nächste Assoziation: die Rhön. Das sieht aus wie in der Heimat.

So sollte es mir auf dieser Reise noch oft ergehen. Mehr noch auf der Südinsel. Man sitzt im Auto und fährt, sagen wir, einen Vormittag lang. Man startet in einer Landschaft, die aussieht wie die schottischen Highlands. 

Eine Stunde später ist man im bayerischen Voralpenland, dann in der Schweiz, dann in den Dolomiten. Eine Stunde später steht man vor einem Gletscher, 20 Minuten darauf am Meer, eine Stunde später im Regenwald. Neuseeland ist alles. Nur größer, anders, wilder, leerer. Ohne Menschen. Das Land ist etwa so groß wie Großbritannien. Dort leben mehr als 60 Millionen Menschen, in Neuseeland 4,5 Millionen, drei davon auf der kleineren Nordinsel. 

Mordor

Wir kommen nach Turangi, ein Dorf am Südufer des Sees. Hier war ich gestern, eine Runde Radfahren, mit einem Kiwi, so nennen sich die Neuseeländer selbst. Wally vom örtlichen Radclub zeigte mir den Weg gen Berge, in den Tongariro-Nationalpark. Auf den Straßen hier kann man fast genauso einsam sein wie in den Bergen. Auf dem Hinweg sahen wir kein einziges Auto. Der Nationalpark hier ist mehr als berühmt. Für seine Landschaft, seine Berge, seine Stimmung, seine Atmosphäre, seine Dunkelheit. Hier wohnt Sauron. Zumindest in „Herr der Ringe“. Der mit 2300 Metern höchste Vulkan des Tongariro-Massivs, der Mount Ngauruhoe, ist das Vorbild für den Schicksalsberg. Auch der Mount Ruapehu diente als Kulisse für Mordor. Auch wir spürten die Unberechenbarkeit der Natur. Wir fuhren bei 23 Grad und Sonnenschein los. Und drehten anderthalb Stunden später bei zwölf Grad und Regen wieder um. Typisch Neuseeland. 

Bis ins Ziel

Was ich danach in Turangi erlebte, bestätigt alle Klischees über „die Kiwis“. Ein typisches Neuseelanderlebnis, wie es sich schlechte Drehbuchschreiber ausdenken würden. Nach der kleinen Radtour wollte ich mich gerade verabschieden, da meinte Wally: „Ach übrigens, wir haben heute ein kleines Abendessen bei Freunden. Komm doch mit.“ Und so lernte ich bei mehreren Gängen und noch mehr Flaschen Wein geschätzt die Hälfte der Einwohner dieses kleinen Dörfchens kennen. Stereotyp neuseeländischer kann ein Tag nicht verlaufen.

Heute ist alles, was ich von Turangi sehe: Asphalt. Und das Hinterrad meines Vordermannes. Einerreihe, 45 km/h. Wally spielt am Straßenrand Gitarre. Er sieht mich nicht. Und ich habe nicht den Atem, um zu rufen. Es ist flach. Bis zu diesem letzten langen Berg, dem Haitepe Hill. 

Auch danach, im Flachen, ist das Tempo höllisch. Bis zur Ziellinie. Dahinter kommen wildfremde Menschen und reichen mir die Hand. Alle gratulieren sich gegenseitig, fast alle haben Bierflaschen in der Hand. Typisch Neuseeland. Am Abend der Cycle Challenge sitzen tausende Menschen auf dem Rasen vor einer Bühne. Es gibt Kuchen und Nudeln und BBQ und Bier. Man wartet auf die Verlosung. Jeder Teilnehmer des Rennens kann gewinnen. Hauptpreis ist ein Auto. Der zweite Preis ist eine Reise nach Europa. In Schnee und Kälte, in den Winter. Ans andere Ende der Welt. |||||

 

 

 

 

 

Reisen in Neuseeland

Müsste man dieses Land mit einem Wort beschreiben, so lautete dieses Wort: Natur. Wenige Menschen, weite Landschaften – das ist Neuseeland. Die Straßenkarte zeigt nur wenige Orte. Hier kann man noch einsam sein, wenn man es denn will. Man kann in den Bergen tagelange Wanderungen unternehmen, von einer Hütte in die nächste, ohne Komfort, fast ohne andere Menschen. Nur die raue Natur um einen herum. Andererseits ist Neuseeland auch ein einziger großer Abenteuerspielplatz. 

Beim Rafting auf dem Tongariro River auf der Nordinsel schießt man über mehr als 60 Stromschnellen hinweg. Unter einem, im glasklaren Wasser, schwimmen riesige Forellen. Taupo ist bei Fallschirmspringern berühmt. Nicht weit entfernt, in Rotorua fühlen sich Mountainbiker wie im Himmel. 150 Kilometer sind die Trails dort insgesamt lang, alles ist ausgeschildert, unterteilt in Schwierigkeitsgrade. Man ballert durch Wälder riesiger Redwood-Bäume. Rund um Rotorua ist auch eines von vielen geothermischen Gebieten. Geysire, heiße Quellen, bizarre Kalkformationen. Einen Spaziergang durch eine solche Landschaft kann man etwa in Whakarewarewa machen, es ist das größte Geysirfeld Neuseelands. Hier, im Zentrum „Te Puia“, lernt man auch etwas über die Kultur der Ureinwohner, der Maori. 

 

Wein und Meer

Auch auf der Südinsel, etwa rund um Queenstown, gibt es alles, das zur Adrenalinausschüttung beiträgt: Bungeespringen, Jetboatfahren, Mountainbikeparks. Doch auch wer es ruhiger angehen will, findet perfekte Bedingungen zum Erleben und Entspannen. Gleich im Norden der Insel, in der Region Marlborough rund um Blenheim, ist ein berühmtes Weinanbaugebiet. Winzerei- und Probiertouren sind auch mit dem Rad möglich. Auch hier sind wieder völlig unterschiedliche Welten dicht beisammen: im Westen der berühmte Abel Tasman Nationalpark mit seinen Stränden und seinem Südseefeeling, im Süden die Berge und die Nelson Lakes, ein wunderschönes Wanderziel, im Norden die fjordartigen Marlborough Sounds. Diese kann man etwa mit dem Kajak erkunden. In der Stille, in der Einsamkeit. Hier gibt es nur Meer und Wald, Palmen und Farne, Buchten und Strände. Und diesen einen schmalen Pfad, den Queen Charlotte Track. Das Paradies. |||||

 

Taupo & das Rennen

Taupo liegt etwa 280 Kilometer südlich von Auckland. 2014 gab es dort innerhalb der Traditionsveranstaltung „Cycle Challenge“ zwanzig verschiedene Events, darunter Kinder-, MTB- und Rennradrennen. Die traditionelle Runde um den Lake Taupo ist 160 Kilometer lang, dabei sind rund 2300 Höhenmeter zu überwinden. Die kürzere Strecke „Half the lake“ ist 70 Kilometer lang. Der Sieger des „Bike Barn Solo“ brauchte für die Langstrecke 4:06 Stunden, unser Autor war rund sechs Minuten langsamer. Für Naturliebhaber bietet sich die Creel Lodge in Turangi als Hotel an. Einsam und direkt am Fluss gelegen. 

Weitere Informationen unter: www.cyclechallenge.comwww.greatlaketaupo.comwww.creel.co.nz

 

Reise-Tipps 

Die Anreise ist natürlich nicht gerade kurz. Die reine Flugzeit liegt in der Regel zwischen 20 und 22 Stunden. Je nach Fluglinie gibt es meist einen Zwischenstopp in Asien oder dem arabischen Raum. Regelmäßige Flüge von den großen deutschen Flughäfen bieten unter anderem Air New Zealand, Emirates oder Singapore Airlines.

Vor Ort: Ein Auto oder einen Van beziehungsweise ein Wohnmobil zu mieten, ist unkompliziert und vergleichsweise günstig. Tipp: Kleine neuseeländische Anbieter wie etwa Jucy, ACE oder Omega bieten in der Regel bessere Konditionen an als die großen internationalen Vermieter. Manche Firmen übernehmen sogar die Kosten für die Fähre zwischen der Nord- und der Südinsel. Alternativ bietet sich das Reisen per Bus an. Die größten Firmen heißen hier Intercity oder NakedBus, kleinere wie Stray oder KiwiExpress sind auf „Touristenrouten“ spezialisiert und bieten Komplettpakete. Auch Inlandsflüge, etwa mit Air New Zealand oder Jetstar, sind oft relativ günstig. 

To do: In fast allen mittleren bis großen Städten kann man Rennräder und MTBs mieten. Anlaufstationen könnten etwa die Filialen der Kette „Bike Barn“ sein. Gerade für Mountainbiker ist Neuseeland ein Paradies, denn es gibt etliche offizielle und inoffizielle Parks mit wunderschönen
Trails: etwa in Rotorua, Christchurch oder Queenstown.

Weitere Informationen unter: www.newzealand.com/de, www.rotoruanz.com,www.marlboroughnz.com, www.mtbrotorua.co.nz

 
 

Quelle: 

Foto: TNZ, Cycle Challenge, Binnig