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Eine Reise nach Hongkong zum Cyclothon

23.07.2017

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Eine Reise nach Hongkong zum Cyclothon

Eine Strecke, die vom Festland zu tropischen Inseln führt, über riesige Brücken, mit Blicken auf eine asiatische Megacity: Der Cyclothon Hongkong ist mehr als Radfahren.
 
Es ist 4.50 Uhr, 40 Minuten vor dem Start, 200 Meter neben dem Südchinesischen Meer, Neonschilder flackern, ich sitze auf dem Oberrohr meines Rennrades, der Schweiß rinnt an mir herunter. Es ist noch dunkel – und schwülheiß, 31 Grad, fast 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Herbst in Hongkong.

Um mich herum stehen, rollen, warten mehr als 2500 Radfahrer. Ein kleiner Teil der 7,3 Millionen Einwohner der Megacity, Festlandchinesen, wenige Australier – und rund 40, 50 Radprofis. An der Startlinie werden Klischees erfüllt: Am Rad meines Nebenmannes sind drei Actionkameras montiert – eine ist nach vorne, eine nach hinten, eine auf den Fahrer gerichtet. Dazu prangt am Lenker ein Smartphone in Tabletgröße. Hongkong ist eine reiche, eine moderne Stadt. Ein riesiges Monument aus Beton und Glas, verteilt auf eine Halbinsel und 263 Inseln, umgeben von Wald, Dschungel, Natur. 67 Kilometer sind es bis nach Macau, 30 bis in die 13-Millionenstadt Shenzhen im chinesischen Perlflussdelta.

Lust auf Laktat

Die meisten Leute um mich herum sehen sportlich aus, ihre Räder sind neu und teuer. Ganz vorne, in der ersten Reihe, stehen die ganz Schnellen: die Profis von Orica Greenedge, Lampre Merida und einigen kleineren Teams. Also ist schon vor dem Start klar: Es wird schnell werden. Wie schnell, kann man nicht einmal erahnen. Denn ich habe keine Ahnung, wie viele Höhenmeter auf mich warten. Auf meine Fragen, ob die Strecke flach oder auch bergig sei, erhielt ich völlig unterschiedliche Antworten: von nein, gar nicht bis zu ja, sehr. Wobei im Zusammenhang mit „sehr bergig“ das Wort Straßenbrücke erwähnt wurde, was in mir die Ahnung weckt, das „ein Berg“ oder „viele Höhenmeter“ Definitionssachen und immer relativ sind.

Die Uhr zeigt 5.30. Es dämmert. Countdown. Der Startschuss fällt. Vor mir kommt eine Frau nicht ins Pedal und verursacht fast einen Sturz. Nach zehn sehr langsamen und sehr stark schwankenden Metern hat sie sich gefangen. Die kleine Episode bringt meine Herzfrequenz auf über 130 Schläge pro Minute – auch wenn sie noch einmal gut ausgeht. Und sie bestärkt mich in meiner Idee, möglichst weit vorne zu fahren, um möglichst vielen Risiken aus dem Weg zu gehen. Außerdem ist die europäische Rennradsaison vorbei – ich spüre aber noch die rennradfahrertypische und, vermutlich, irgendwo zwischen Gewohnheit und minimalem Masochismus verwurzelte Lust auf Laktat. Die Strecke ist kurz. Also was soll’s. Ich habe nichts zu verlieren. Leider klappt das mit dem Vornefahren nicht ganz so einfach, denn schon 500 Meter nach dem Start ist das Feld vor mir völlig auseinandergerissen. Jetzt macht es sich bezahlt, dass der Körper durch die mehr als 30 Grad Außentemperatur auch ohne Warmfahren auf Hochbetrieb eingestellt ist. Schnell bin ich an drei, vier kleinen Gruppen vorbei, vor mir wird die offene, breite, leere Straße sichtbar – und nach 400 Metern frustrierender Leere die große Spitzengruppe. Keine Zeit zu denken. Die Lücke muss zu.

Lust auf Fahrtwind

Zusammen mit einem Hongkonger Fahrer komme ich nach ewigen drei oder vier Minuten nach vorne. Ich schnaufe, wische mir den brennenden 5.45-Uhr-Morgenschweiß aus den Augen und sehe ein Lampre-Merida-Trikot neben mir, auf dem gleichdesignten Helm steht: Mohoric. Da darf man als Normalsterblicher mal eben mit Matej Mohoric, dem U23-Weltmeister von vor drei Jahren – und vielen anderen Worldtour-Profis –
in derselben Gruppe fahren. Ich bin glücklich. Es geht über eine ansteigende Brücke. Es gibt zwei, drei Attacken. Aber nach und nach pendelt sich das Tempo ein. 42, 43 km/h zeigt der Tacho. Es ist paradox: Zum ersten Mal bin ich – zumindest im Flachen und bergab – um jedes km/h mehr wirklich froh. Denn Geschwindigkeit ergibt Fahrtwind ergibt Kühlung. Es wird Tag, die Wolken haben sich gelichtet. Viele Fahrer um mich herum, vor allem die Profis, tun, was auf vielen Schildern ausdrücklich verboten wurde: Sie kramen ihre Handys aus den Trikottaschen und machen Stadt-Land-Meer-Bilder und Selfies. Es ist unmöglich, sich hier und jetzt in diesem Augenblick zu beherrschen. Der Ausblick ist zu unglaublich, zu einmalig: die aufgehende Sonne, das glitzernde türkis- bis dunkelgrüne Meer, die weißgrauen oder gläsernen Wolkenkratzer, dahinter die steilen grünen Hügel. Wir fahren auf Straßen und über Brücken, auf denen sonst nur Autos und LKW unterwegs sind. Zigtausende jeden Tag. Die Strecke ist etwa sternförmig angelegt. Auf der einen, immer sehr breiten, Fahrspur geht es bis zu einem Wendepunkt, auf der anderen zurück. So sieht man die vor und hinter einem liegenden Fahrer regelmäßig – und die Landschaft, die Stadt, das Meer immer aus mindestens zwei Perspektiven. Der Asphalt ist neu und glatt. Es rollt.

Neben mir höre ich deutsche Worte. Auf den Trikots steht zwar ein englischer Name, doch das Team und seine Fahrer kommen aus Deutschland: Embrace the World, ein Zusammenschluss, eine Art Renngemeinschaft, die Fahrer sind keine Profis, sondern Amateure. Sie fahren sonst für deutsche Top-Vereine wie Baier Landshut oder den RSC Kempten, die meisten Fahrer und Organisatoren kommen aus NRW. Das Ziel des Teams ist es, für jeden absolvierten Kilometer kleine Spendenbeträge zu sammeln – und an ausgewählte Umwelt- und Hilfsorganisationen weiterzugeben. Sie wurden, wie die vielen anderen internationalen Teams, vor allem für das Kriterium in der Innenstadt am Nachmittag eingeladen. Der Cyclothon ist für sie und die Profis ein Warmfahren, eine schnelle zusätzliche Trainingseinheit am Morgen.

Wir kommen ins Gespräch. Reden über das Team, über die schönsten und härtesten Rennen, über Hongkong. Am Tag vor dem Start zum Cyclothon bin ich angekommen. Einchecken im Hotel, ein kurzer sehr nötiger Antijetlag-Schlaf, dann ging es aufs Rad. In zwei Minuten war ich am Meer. Hier drehte ich meine Runde, auf einer großen Straße direkt neben dem Wasser. So wollte ich das 99-prozentige Risiko mich zu verirren etwas minimieren. Was natürlich letztlich nicht geklappt hat. Aber die Hongkonger sind freundlich, sprechen fast alle Englisch und sind offensichtlich an verwirrte, nach dem richtigen Weg suchende Touristen gewöhnt. Fast schon routiniert gibt mir der Geschäftsmann in Anzug und Krawatte – wie hält er das eigentlich bei über 30 Grad und gefühlt 100 Prozent Luftfeuchtigkeit aus – Richtungsanweisungen. Mein Hotel, wie auch Start und Ziel des Cyclothons, sind in Kowloon, einer nördlich von Hongkong Island gelegenen Halbinsel mit rund zwei Millionen Einwohnern. Mit Wolkenkratzern, Häfen, Einkaufsstraßen, in denen man alles findet, was man auch in der Londoner Bond Street, der Münchner Maximilianstraße, dem Pariser Place Vendôme findet. Gucci, Prada, Burberry. Alles, was modern und edel ist.

Vom Essen und Shoppen

Nach einer Dusche und einem traditionellen Hongkonger Mittagessen aus vielen vielen Gängen mit vielen vielen Nudeln, gefüllten Teigtaschen und marinierten Fleischvarianten, unter anderem von einem Schwein, steht das touristische Programm an: Sightseeing. Schon nach drei Minuten im Zentrum der Stadt ist klar: Dies ist ein Paradies für Shopper – was nicht wirklich auf mich zutrifft – und für Gourmets, beziehungsweise für Menschen, die gerne und viel essen. Was zu 100 Prozent auf mich zutrifft. Die Auswahl an Shoppingmalls, Luxus- und Designerläden wird nur noch von der an Restaurants übertroffen. Die Auswahl ist grenzenlos. Sie reicht von tausenden kleinen Straßenverkäufern und „Imbissen“ bis zu etlichen mit Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurants. Die Stadt vibriert. Bei einem legendären kleinen Straßenverkaufslädchen, das gar nicht so legendär aussieht, kaufe ich mir, nach ein paar Minuten anstehen, das, was alle Hongkonger kaufen, das Nationalgetränk: Milk Tea. Tee mit Milch, süß, kalorienreich, lecker. Im Stadtteil „SoHo“ kann man sich wirklich vorkommen wie im Original SoHo in Manhattan, New York. Nur dass der Hongkonger Stadtteil, der nur inoffiziell so heißt, etwas kleiner ist und von zwei- oder dreigeschossigen Häusern geprägt ist, die sich südlich einer Straße befinden, deren Name symbolisch ist: Hollywood Road. Hier bevölkern die vielen Expats die vielen Bars, Cafés und Restaurants: Europäer, US-Amerikaner, Kanadier, Australier, die hier leben und arbeiten. Die Atmosphäre ist entspannt, fast schon australisch-relaxed.

Am späten Nachmittag nehme ich eine Auszeit auf den Hügeln über der Stadt. Es geht hinauf zum Victoria Peak, dem mit 552 Metern höchsten Berg von Hongkong Island. Ein alter Zahnradwagen bringt mich hinauf. Hier stehen noch viele Villen der englischen Oberschicht aus den Zeiten der britischen Herrschaft über die Stadt. Schöne elegante Fluchtburgen gegen die Hitze. Oben: Wind, Kühle, Schatten, einige wenige Jogger, viele Touristen, phantastische Ausblicke. Über die Inseln und Brücken.

Glückshormone

Wir fahren gerade über die dritte Brücke des heutigen noch so jungen Tages. Vom Meer weht ein kühlender Wind. Die Hitze des Mittags ist noch weit weg, vier, fünf Stunden. Es ist 6.30 Uhr. Wir nähern uns der Innenstadt. Das Ziel ist schon nah. Es geht bergab. Die Straße ist bestimmt 15, 20 Meter breit. Das ganze Feld liegt in Aeroposition auf dem Rad, wir bewegen uns auf die 80-km/h-Marke zu. Das alles fühlt sich so gut an. Ich bin im Flow, dem Zustand, den der weltberühmte Psychologe Mihály Csikszentmihalyi als „völliges Aufgehen im gegenwärtigen Erleben“ definiert hat. Endorphine fluten durch meine Arterien. Wenn Druck auf die Pedale muss, dann ist er da. Ich spüre die Anstrengung kaum. Trotz des Jetlags. Oder wegen ihm. Egal. Die Zielgerade. Lang, breit, flach, gesäumt von Zuschauern. Es ist laut. Es ist schön. Nach 1:18 Stunden bin ich im Ziel. Um 7 Uhr stehe ich unter der Dusche. Die Herausforderung des Tages liegt hinter mir, ich habe geschwitzt, mich verausgabt, mich unterhalten, Menschen beobachtet und kennengelernt, Szenen und Ausblicke gesehen wie noch nie – zu einer Uhrzeit, zu der ich sonst noch im Bett liege. Dazu fällt mir das „Arschgeweih unter den Lebensmottos“ ein: carpe diem. Nutze den Tag.

Das mache ich. Bis um 17 Uhr laufen noch Radrennen in der Innenstadt. Zuschauerspaliere am Streckenrand, TV-Teams, Hubschrauber, das volle Programm. Am Ende machen beim Profi-Kriterium, wie erwartet, die Fahrer der WorldTour-Teams den Sieg unter sich aus. Vom Dach meines Hotels kann ich die Rennstrecke sehen. Sie führt zwischen glitzernden gläsernen Fassaden und den grünglitzernden Wellen des Ozeans entlang. Unglaublich, was man alles an einem Tag sehen und erleben kann. //

 

 

Der Cyclothon 

In dieser Form fand das Radrennen für Hobbyathleten zum ersten Mal statt. Die Strecke durch die Metropole führt meist am Meer entlang, bietet spektakuläre Ausblicke und ist für den Verkehr vollgesperrt. Eventuell wird die aktuell mit 50 Kilometern noch kurze Strecke zukünftig verlängert, für Rennradanfänger und Kinder werden auch noch kürzere Strecken angeboten.

Anreise

Der Direktflug von Deutschland aus dauert rund elf Stunden. Die meisten Verbindungen bietet die renommierte Hongkonger Airline Cathay Pacific. Komfort und Bordservice sind auf hohem Niveau. Die Flugpreise beginnen bei 500 Euro. www.cathaypacific.com

Die Stadt

Hongkong hat 7,3 Millionen Einwohner. Die Stadt liegt auf einer Halbinsel sowie mehreren großen Inseln wie Lantau und Hongkong Island. Das Gebiet der Sonderverwaltungszone Hongkong umfasst zudem die auf dem Festland gelegenen und von tropischen Wäldern dominierten New Territories Inseln. Sie gilt als eine der teuersten Städte der Welt. In der Stadt gibt es einige wenige Fahrspuren für Radfahrer. Die beliebten Routen befinden sich jedoch außerhalb der Innenstadt. Für Mountainbiker sind es etwa die New Territories, die 86 Prozent der Gesamtfläche ausmachen sowie insgesamt 263 Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind. Die New Territories, die „ländliche“ Region Hongkongs, ist von steilen Bergen und dichten Wäldern geprägt.

Hotel

Das Royal Garden Hotel liegt fast unmittelbar neben dem Start- und Zielbereich des Cyclothons sowie des Profi-Kriteriums. Zum Meer sind es zwei Minuten zu Fuß, auch mehrere Bahnhöfe sind fußläufig erreichbar. Zum Flughafenzubringer Skytrain gibt es einen kostenlosen Shuttleservice. Das 5-Sterne-Hotel bietet einen Rooftop-Swimmingpool, eine Dach- terrasse, mehrere Restaurants mit lokaler und internationaler Küche, einen Spabereich sowie einen sehr großen, voll ausgestatteten Fitnessraum. www.rghk.com.hk

Highlights

Die Anzahl der kulinarischen sowie der Shopping-Möglichkeiten ist grenzenlos. Auch gibt es sehr viele interessante, spezialisierte Märkte, etwa einen Jade-, einen Blumen-, einen Vogel- oder einen Goldfischmarkt. Zu den Topattraktionen gehört auch der Aussichtspunkt The Peak. Zu den schönsten Grünflächen zählt der 14 Hektar große Kowloon Park. Der Western District ist von kleinen chinesischen Geschäften geprägt, auf der Insel Lantau gibt es das Hongkong Disneyland. Auch Strände sind einfach zu erreichen, wobei die schönsten in den New Territories und auf den der Stadt vorgelagerten Inseln liegen.

Weitere Informationen zur Destination Hongkong und zum Cyclothon: www.discoverhongkong.com 

 

Quelle: 

Text: David Binnig; Bilder: Cyclothon Hongkong, Binnig

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