Reise

In Tirol ganz oben

30.07.2013 bis 31.07.2013

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Wann ihr zum Gletscher rauf wollt‘s, dann müsst‘s euch jetzt was zum Trinken holen. Weil danach kommt dann lang nichts mehr.“ Die Bäuerin am Straßenrand will uns nichts verkaufen. Ihr Ratschlag ist gut gemeint und er ist überaus angebracht. Wir sind hier schließlich im Kaunertal und das ist Hochgebirge, Alpenhauptkamm. Wir sind unten in Feichten, kurz nach dem Taleingang auf knapp 1300 Metern Höhe. Vor uns liegen gute 40 Kilometer mit 1400 Höhenmetern und eine Ankunft auf 2750 Metern am Weisseeferner. Was die Straße durch das Kaunertal hinauf zum Gletscherskigebiet für uns Radler interessant macht, ist nicht nur die eindrucksvolle Streckenführung, sondern auch die Tatsache, dass das Kaunertal ein Sacktal ist. Kein Durchgangsverkehr wie nebenan im Ötztal. Na ja, dann ist da noch die Sache mit dem Gletscherkaiser. Der Kaunertaler Gletscherkaiser ist eines der steilsten Radrennen Österreichs mit 51 Kilometern und 2150 Höhenmetern. Die Ankunft ist noch mal gute 250 Meter höher als der Glockner. Ein Wetterumbruch beschert dir in diesen Höhen puren Winter, auch im Hochsommer. Nicht das Rennen, aber wenigstens die Strecke des Gletscherkaisers wollten wir uns gönnen. Und deshalb folgen wir brav dem Ratschlag der Bäuerin, füllen unsere Trinkflaschen, stecken Energieriegel in die Taschen und treten in die Pedale.

Die höchste aller Zielanküfte
Anfangs zieht sich die Straße noch mit moderaten Steigungen vorbei an Almwiesen. Nach der Mautstelle wird es schon etwas steiler, und kurz vor dem Stausee warten die ersten härteren Anstiege. Oben rollen wir links auf der flachen Uferstraße oberhalb des Stausees vorbei. Es folgen weitere enge Kehren. Die ersten Schneefelder säumen die Straße. Ganz oben dann wird die Straße flacher und zieht sich fast gerade bis zum Gletscher. Am Ziel rollen wir auf einen großen Parkplatz. Rechts ist das Gletscherrestaurant Weissee. Wir sind an der höchsten Zielankunft aller Radrennen in Österreich. Windfeste Jacken und Beinlinge für die Abfahrt sind hier nicht unangebracht. Auch für Gletscherkaiser. Das Rennen gehört übrigens mit dem Dreiländergiro in Nauders zusammen und wer aus beiden Wettbewerben der Beste ist, darf sich dann Girokaiser nennen.

Österreich, Schweiz und Italien
Diese beiden Radrennen haben uns zu dem Ausflug motiviert. Vorher haben wir uns eine Art Trainingslager gegönnt, haben im Tiroler Unterland rund um die Hohe Salve schöne und starke Biketage erlebt. Bei den Touren von Söll nach Hochsöll oder auf die Kraftalm mit einer sensationellen Aussicht aufs Inntal haben wir uns an lange und anspruchsvolle Steigungen gewöhnt. Was diese Gegend auch interessant macht für den Straßenfahrer, das sind die sorgfältig ausgebauten Straßen, selbst in Höhenlagen. Ein gutes Trainingsgebiet war die Wildschönau, ein abwechslungsreiches Hochtal, das für Mountainbikes und Straßenräder gut geeignet ist. Zum Radfahren ist die Gegend um die Hohe Salve verträglicher und vielseitiger. Hier im Westen Tirols sind die Berge höher und schroffer. Von Nauders aus fahren wir nicht nur ins Kaunertal. Wir gönnen uns auch die Route des Dreiländergiro. Und Nauders liegt genau an diesem Dreiländereck Österreich, Schweiz und Italien. Wenn auf der Nordseite das Wetter schlecht ist, haben wir nur wenige Kilometer rüber zum Reschensee in Südtirol, wo fast immer die Sonne scheint. Unten bei Mals geht es rechts ab ins Münstertal und Richtung Ofenpass. Oder wir nehmen die wenig bekannte kurvige Straße hinunter nach Martina und fahren durchs Engadin Richtung St. Moritz. Aber was uns vor allem interessiert, das ist die klassische Strecke des Dreiländergiros. Von Nauders über den Reschensee, dann hinauf zum Stilfser Joch, danach durch das Münstertal und über den Ofenpass bis Zernez und zurück durch das Engadin. Die Auffahrt von Martina nach Nauders mit vielen Kurven ist dann der Schlussspurt. Das macht 168 Kilometer mit 3300 Höhenmetern. Das soll der Höhepunkt unseres Ausflugs ins Dreiländereck sein. Vom Hotel Central in Nauders starten wir zuerst ins Engadin zu einer Art Aufwärmtour. Danach ist der Kaunertaler Gletscher an der Reihe. Und der krönende Abschluss wird der Dreiländergiro.

Die Dosis steigern
Für unsere Kennenlern-Runde rollen wir zunächst von Nauders links hinab ins Engadin und biegen in Martina auf die Straße Richtung Zernez und St. Moritz ab. Hier kannst du es schön laufen lassen. Es geht fast eben dahin mit einigen wenigen Kurven. Natürlich bist du hier nicht allein unterwegs, aber die Straße ist gut ausgebaut und im Gegensatz zum Kaunertal kommt alle paar Kilometer ein Dorf, wo du dich versorgen oder eine kleine Pause einlegen kannst. Nur kurz nach Scuol wird es für ein paar Kilometer etwas kurviger und schattiger. Wer Zeit und Lust auf Sightseeing hat, sollte sich unterwegs rechts den kleinen Anstieg hinauf nach Guarda gönnen. Das Dorf ist bekannt für seine sehenswerte historische Engadiner Architektur mit den für die Gegend typischen Sgraffito-Wandmalereien. Höhepunkt dieser Route ist die Fahrt von Susch rechts hinauf zum 2383 Meter hohen Flüelapass, der das Engadin mit Davos verbindet. Nach einigen waldreichen Passagen mit mehreren Kehren folgen oben im baumfreien Bereich dann lange gerade Strecken und schöne Aussichten. Dieser Tag beschert uns 116 Kilometer mit 2280 Höhenmetern. Nicht viel weniger als beim zweiten Tag, an dem wir von Nauders ins Kaunertal fahren. Aber wir wollen gezielt die Dosis steigern bis zu unserem ganz privaten Giro.

48 Kehren, 1800 Höhenmeter
Der Stelvio: 48 Kehren und 1800 Höhenmeter. Und der beginnt wie alle Touren von Nauders aus mit einer Abfahrt. Rüber zum Reschensee ist es ein Katzensprung. Der Stopp beim halb versunkenen Kirchturm von Graun, der an die Überflutung des Dorfes 1950 erinnert, ist Pflicht.
Dann bringt uns die Straße mit rasanten Abfahrten hinunter nach Mals und in das schöne historische Städtchen Glurns. Kurz nach Prad geht es auf die Straße hinauf zum Stilfser Joch, anfangs halten sich die Steigungsprozente in Grenzen, die Straße führt über Gomagoi nach Trafoi. Direkt vor dem Hotel Bellavista der Skilegende Gustav Thöni radeln wir in eine Rechtskehre und weiter bergauf. 48 Kehren und 1800 Höhenmeter später sind wir oben auf knapp 2800 Metern am StilfserJoch. Das wahrscheinlich einzige Skigebiet in den Alpen, das im Sommer offen und im Winter geschlossen ist, weil dann die Straße hinauf gesperrt ist.
Über den Umbrailpass geht es hinunter ins Münstertal. Danach folgt eine traumhafte Straße durch den Nationalpark mit dem Ofenpass, wo wir zum Glück auch auf wenig Verkehr treffen. Nach der Abfahrt hinunter nach Zernez sind wir wieder im Engadin und fahren bald auf derselben Strecke wie am ersten Tag. Das ist fast schon Routine. Ein paar Stunden später beim Abendessen im Hotel Central genießen wir den Erfolg. „Kennt ihr die Reklame von dem österreichischen Bier mit dem Slogan „Hast a Kaiser, bist a Kaiser?“, fragt einer. Jetzt schon. Nur haben wir uns davon dann für eine eigene Version inspirieren lassen: Schaffst den Giro, bist a Kaiser.

 

Touren Downloads

Tour 1 (170 Kilometer, 4000 Höhenmeter): http://www.gpsies.com/map.do?fileId=zjazmiwppokjupku

Tour 2 (120 Kilometer, 2600 Höhenmeter): http://www.gpsies.com/map.do?fileId=nsnzovbtzjtexgzd

Tour 3 (135 Kilometer, 3000 Höhenmeter): http://www.gpsies.com/map.do?fileId=duruzsdfkccizyet

 

Allgemeine Infos
Tourismusverband Tiroler Oberland
Kirchplatz 48
A-6531 Ried im Tiroler Oberland
Tel: +43/50/22 51 00
Roadbike Holidays Bike Hotels e.V.
Saalfeldnerstrasse 14
A-5751 Maishofen
Tel: +43/6542/804 80 15

Anfahrt
Von Süden: Bozen - Meran – Reschenpass bis nach Nauders
Von Norden: Autobahn A7 bis Füssen - Fernpass - Imst (Autobahn Richtung Arlberg – Ausfahrt Reschenpass – mautpflichtig oder über die Bundesstrasse – durch Landeck – Richtung Reschenpass - mautfrei) - B315 bis Nauders
Von Westen: Entweder über den Arlbergpass (Arlbergtunnel Doppelmaut!) bis zur Ausfahrt Reschenpass - B315 bis Nauders oder über das Engadin (Albula, Julier, Flüela, Vereina-Tunnel) bis Martina – Abzweigung Nauders
Von Osten: Kufstein - Inntalautobahn - Innsbruck (Richtung Arlberg) - Ausfahrt Reschenpass - B315 bis Nauders

Beste Reisezeit
Mai bis August

Veranstaltungen
www.gletscherkaiser.at
www.dreilaendergiro.at

Übernachtungs-Tipp
Alpen-Comfort-Hotel Central ****
Unterdorfstraße 196, A-6543 Nauders
Tel.: +43/5473/87 22 10
www.hotel-central.at