Reise

Traumstraßen in Deutschland: Badische Weinstraße

25.09.2013

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TraumStraßen in Deutschland, Teil 1: Badische Weinstraße

Zwischen Rebläusen und Bergriesen

Beides wirkt wie für Riesen gemacht. Die Schale, in der der Kaffee badet, muss ich mit beiden Händen greifen. Und das Stück Erdbeerkuchen hat wagenrad-artige Ausmaße. Ich verputze trotzdem beides innerhalb weniger Minuten. „War’s recht?“, fragt mich die Kellnerin, während sie im Vorbeigehen Teller und Tasse abräumt.

Das war es. Entspannt lehne ich mich in den Stuhl, falte die Hände über dem Bauch und strecke meine Beine unter dem Kaffeetischchen. Eigentlich fühlt sich alles viel zu entspannt an – ich inklusive –, als dass man wieder auf das Rennrad steigen möchte. Allerdings wartet die zweite Hälfte der heutigen Etappe. Und da die kaum weniger schön sein wird als der erste Teil, kann ich es auf der anderen Seite auch kaum erwarten, zurückzukehren auf die Badische Weinstraße.

Rund drei Stunden zuvor hatte ich mein Auto in der Nähe des Theaters in Baden-Baden geparkt, mein Rad ausgepackt und die Schuhe festgeschnallt. 240 Kilometer und über 4000 Höhenmeter stehen ab hier auf dem Tourenplan, wenn man der Badischen Weinstraße folgt, wie ich sie gefahren bin. Wer möchte und kann, der fährt an einem Tag bis Weil am Rhein, steigt dort in den Zug und saust dann das flache Rheintal in zweieinhalb Stunden zurück nach Baden-Baden. Ich habe mir zwei Tage und eine Nacht Zeit genommen. Der Genussfaktor steigt

In badischer Gemütlichkeit

Mit den ersten gefahrenen Kilometern zeigt die Badische Weinstraße ihr topgraphisches Gesicht: Es geht ständig auf und ab. Wirklich steil und lang sind die Anstiege nicht – sie winden sich aber in die Hänge, als hätten sie noch hunderte Höhenmeter vor sich: Teilweise warten in den Anstiegen Serpentinen in Alpenformat, die mit dem Rad bergab so viel Spaß machen wie bergauf.

Nach drei kurzen Anstiegen erreicht man den höchsten Punkt der ersten Halbetappe des Tages bereits nach rund 20 Kilometern. Kurz hinter Bühlertal biegt die Weinstraße rechts auf die Talbrücke, die recht steil in eine Höhe von 500 Metern über dem Meeresspiegel führt. Wer im Heck 27 oder 28 Zähne zur Verfügung hat, wird sich unter Umständen glücklich schätzen.

Auf der Abfahrt kann man dann den Blick schweifen lassen: Soweit das Auge reicht, stehen die Reben in Reih und Glied, wie an der Schnur gezogen. Sie warten fast ein wenig fatalistisch auf den Winzer, der auf einem spielzeugartigen Mini-Traktor passgenau durch die schmalen Gassen tuckert. Hundert Jahre alte Fachwerkhäuser stehen frisch geputzt am Straßenrand. Auf den Bürgersteigen warten auf museumsreifen Karren erntefrischer Spargel, junge Kartoffeln und Wein in allen Farben und Formen, unbewacht und in badischer Gemütlichkeit, auf Kundschaft.

Kreditkarte und Zahnbürste

Kurz hinter Kappelrodeck führt der nächste Anstieg auf das Ringelbacher Kreuz. Circa zweieinhalb Kilometer bergauf und wieder bergab geht es hier vom Acher- ins Renchtal. Weiter über die überregional bekannten Weinorte Oberkirch und Durbach, wird die Peripherie der Burda-Stadt Offenburg erreicht. Immer entlang des Flusses Kinzig, führt dieser nach Gengenbach, das zu einer ersten Pause einlädt.

Und eine solche habe ich dort auch gemacht, mich aber nach erwähntem Kaffee und Kuchen schon lange wieder auf mein Rad geschwungen und zwei weitere kurze Anstiege bewältigt. Nach 120 Kilometern und rund fünf Stunden Fahrzeit erreiche am frühen Abend ich schließlich mit Emmendingen das Ziel des ersten Tages.

Ein wenig verdutzt ist die Dame an der Rezeption im Hotel Markgraf am Park dann schon, als ich mich nach Handwaschmittel für meine Radklamotten erkundige, weil mein gesamtes Gepäck in den Taschen des Trikots aus einer frisch verpackten Zahnbürste und einer Kreditkarte besteht. Noch bevor ich das Zimmer „beziehe“ – und die Wäsche wasche –, stärke ich mich mit Badischer Küche samt regionalem Wein – alles andere würde sich mit Blick auf das Thema der Reise wohl auch verbieten.

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Zehn Kilometer, länger kann ich nicht einrollen, bevor mich am zweiten Tag einer der schwersten Anstiege in Deutschland in Empfang nimmt. Auf einer Länge von rund zwölf Kilometern bei durchschnittlich rund acht Prozent Steigung führt der Kandel in eine Höhe von 1241 Meter – das hat alpine Ausmaße; Einheimische vergleichen den Kandel auch gerne mit dem Anstieg nach L’Alpe d‘Huez, der auf 13 Kilometern durchschnittlich rund acht Prozent steil ist. Kandel oder L’Alpe d‘Huez, Wein wächst an beiden Gipfeln nicht: Keine Frage, die Badische Weinstraße bietet Radsportidylle pur, die großen Berge des Schwarzwaldes hat die Straße durch die Reben natürlich nicht im Programm. Wenn auch nicht alle, so habe ich zumindest zwei richtig anspruchsvolle Kletterpartien ganz im Süden Deutschlands in die zweite Hälfte meiner Tour durch Baden gepackt – wenn man denn schon mal hier ist ...

Als ich nach rund einer Stunde oben ankomme, ist es mir unbegreiflich, wie Tony Martin diesen erbarmungslosen Anstieg fast doppelt so schnell nach oben fahren kann oder konnte. In unfassbaren 33 Minuten fuhr der Zeitfahrweltmeister 2005 die Bestzeit bei einem Bergzeitfahren auf den Kandel. Und noch schlimmer: Beim Berglauf auf den Kandel liegt die Zeit des Siegers mit rund 50 Minuten auch noch unter meiner Zeit auf dem Rad!

Wehmut am Ende

Eine rasante Abfahrt führt mich über St. Peter und Kirchzarten direkt in den nächsten legendären Col im Schwarzwald: „den Stohren“. Er ist zwar nicht mehr ganz so lang, führt aber in ebenso luftige Höhen und fühlt sich mindestens genauso schwer an wie der Kandel. Zwischen dem Beginn des Anstiegs auf den Kandel und dem Gipfel des Stohren liegen 45 Kilometer und fast 2000 Höhenmeter. Zu viel Wein sollten Sie am Vorabend in Emmendingen also nicht getrunken haben.

In dem Wissen, dass nach dem Stohren Schluss ist mit Klettern, mobilisiere ich auf den letzten Metern zum letzten Gipfel alle Kräfte. Vielleicht auch weil der Abschied naht, möchte ich das alles noch einmal intensiv wahrnehmen. Der Puls schlägt mir bis zum Hals, als ich über die Kuppe rolle und mich in die lange Abfahrt nach Staufen stürze.

Die letzten fünfzig Kilometer sind eine Tour d’Honneur. Zurück auf der Badischen Weinstraße ist deren Profil nahe der Schweizer Grenze nicht mehr ganz so zackig wie zu Beginn. Ich „rolle aus“, werde langsamer, versuche mehr und mehr zu genießen, wohl auch weil es jetzt dem Ende zugeht.

Über Mühlheim und Kandern erreiche ich schließlich am frühen Nachmittag Weil am Rhein. Ich fahre direkt zum Bahnhof. Glück gehabt: 30 Minuten später sitze ich im Regionalexpress, der mich zurück nach Baden-Baden bringt. Ich habe in Fahrtrichtung Platz genommen, habe so den Schwarzwald und die Badische Weinstraße die ganze Zeit zu meiner Rechten. Zweieinhalb Stunden wird die Fahrt dauern. „So lange?!“, höre ich ein kleines Mädchen zwei Sitze weiter entsetzt seine Mutter fragen. Viel zu kurz, denke ich wehmütig …

 

Allgemeine Informationen:

Die Badische Weinstraße führt in Halbhöhenlage zwischen dem Rheintal und dem Schwarzwald durch eines der größten Weinanbaugebiete Deutschlands. Zwischen Baden-Baden und Weil am Rhein führt sie in Nord-Süd-Richtung durch einen großen Teil Badens.

Beste Reisezeit:
Mai bis September

Übernachtungs-Tipps:
Baden-Baden
Hotel Bischoff
www.bischoff.hotelsbaden-baden.de
Tel.: +49/7221/223 78

Emmendingen
Hotel Markgraf am Park
www.hotel-galerie-markgraf.de
Tel: +49/7641/930 68

Weil am Rhein
Gasthaus Schwanen
www.schwanen-weil.de
Tel: +49/7621/710 47 

 

Tourendownload: http://www.gpsies.com/map.do?fileId=bdghxqbgniduenuf

Quelle: 

Redaktion