Reise

Utah: Unbegrenzte Möglichkeiten

"It’s a hell of a place to loose a cow“, jammerten die gottesfürchtigen Mormonen, als sie einst nach Utah kamen. Sie lebten in ständiger Sorge um ihre Longhorns. Mussten permanent mit Indianerangriffen rechnen. Ein hartes Leben, ohne Raum und Zeit für einen schwärmerischen Blick auf die Landschaft. So nannten sie ihre kleine, ständig bedrohte Siedlung Moab, nach der biblischen Wildnis am Rande von Zion. Heute tuckern Cowboys und Indianer mit fetten Pick Ups über die Prärie. Die grandiose Landschaft aber blieb unverändert!
Mountainbikern ist die Gegend längst ein Begriff. Bereits 1969 wurde hier die Schwerkraft neu definiert und Moabs haarsträubender Slickrock-Parcours zur „Mutter aller Trails“. Doch auch für Roadbiker könnten die Bedingungen gar nicht besser sein. Der glatte Asphalt fräst sich häufig schnurstracks durch den roten Wüstensand in einen unendlich blauen Himmel. Die kaum frequentierten Straßen winden sich durch tiefe Canyons oder schrauben sich in alpine Höhen empor. Doch alles der Reihe nach!

Hey ho, let‘s go!

Der Startschuss zu unserer großen Utah-Runde ertönt in Las Vegas. Nevadas Zockerparadies liegt strategisch am günstigsten für unser Vorhaben: Wir wollen die schönsten Routen und Nationalparks Utahs wie an einer Perlenkette aufreihen. Las Vegas ignorieren wir zunächst standhaft – pleite auf Tour gehen, wäre peinlich. Auf der Interstate 15 erreichen wir nach einer guten Stunde mit dem Auto Utah. In Virgin klicken wir die Pedale zur ersten großen Runde ein. Wir steuern sofort in das monumentale Felsenkino des Zion Nationalparks. Die „Towers of the Virgin“ bilden eine massive Felswand. Daneben ragen dutzende tempelähnliche Gebilde aus knallrotem Sandstein in die Höhe. Wir schwenken nach Osten. Schrauben uns mit gehörigem Puls auf zahllosen Serpentinen hoch zum Zion - Mount Carmel – Highway. Am „Checkerboard Mesa“, kurz vor dem Ostausgang des Zion, kratzen wir auf dem Canyon Overlook-Trail mit den Radlatschen über schwarze und rosafarbene Felsen. Die märchenhafte Landschaft ruht in stiller Einsamkeit. Die kurze Wanderung belohnt mit der Vogelperspektive in das dramatische Felsenrund.
Gleich bei der zweiten Tour jaulen die Waden. Mount Carmel Junction, Glendale, die Passstraße 143 nach Brian Head steigt mehrfach auf Zugspitz-Niveau an. Zudem wird die Luft da oben dünn und die Temperaturen sinken unbarmherzig. In der Wüstensenke von  Las Vegas war das Trikot schon zuviel. Jetzt kramen wir doch tatsächlich Mütze und Handschuhe aus dem Gepäck. Die Espen sind im Oktober bereits quietschgelb gefärbt. Ein betörender Kontrast zu den schwarzen Lavafeldern und den bereits vom ersten Neuschnee leicht angezuckerten Berggipfeln. Der große Vulkanausbruch vor zigtausend Jahren hat ganze Arbeit geleistet. Die kubikmetergroßen Lavabrocken liegen über einen riesigen Landstrich verteilt. Am Straßenrand liegen immer wieder unter die Räder gekommene Elks. Diese große nordamerikanische Hirschart scheint in diesem Abschnitt bevorzugt den Highway für ihre Wanderschaft zu nutzen. Das wird den Tieren oftmals zum Verhängnis.

Schneesturm in 3100 Metern Höhe

Im Cedar Breaks National Monument strampeln wir auf 3100 Metern Seehöhe stets am Abgrund des 600 Meter tiefen Jericho Canyons entlang. Ein spontaner Schneesturm zwingt uns in die Rangerstation. In der urgemütlichen Blockhütte bullert ein nostalgischer Kanonenofen. Zur abfallenden Canyonseite haben die Ranger ein XXL-Panoramafenster installiert. Der Tiefblick in das Amphitheater der rosa-, purpurroten und ockerfarbenen Steinnadeln - den Cedar Breaks - lässt uns ehrfurchtsvoll durch die Zähne pfeifen. Das ist ein Arbeitsplatz!
Der Mini-Blizzard zieht im Nu vorüber, aber bei der Abfahrt sind wir über die Armlinge und Beinlinge heilfroh. Parallel zum Red Canyon zielen wir ostwärts – der nächste längere Stopp heißt Bryce Canyon. Auch hier bastelt die Natur äußerst kreativ seit circa 10 Millionen Jahren eine bizarre Zauberlandschaft aus sogenannten Hoodos – den überall im Südwesten vorkommenden, zu Säulen erstarrten Zeugnissen der Erosion. Der folgende Highway 12 wurde mehrfach zu einem der 10 schönsten Routen Amerikas gewählt. Rote Felsen, verschlungene Canyons, versteinerte Wälder – was für ein Überfluss an Schönheit, was für eine Radtour! Mit jeder Radumdrehung verschmelzen wir mehr und mehr mit diesem geologischen Open-Air-Märchen. In Torrey tauschen wir für einen Nachmittag die Sättel. Mit Tara von den Reefriders reiten wir  direkt auf das Capitol Reef zu. Eine quasi auf der Spitze erstarrte Welle aus rotem Fels. Ein im Sprung erstarrter, versteinerter Tsunami. Für die ersten Weihen als Hobbycowboy gibt es wohl keine bessere Kulisse. Splash, mein schwarz-weiß gescheckter Mustang, gibt selbst beim Satteln noch leise Schnarchlaute von sich. Wäre Splash ein Auto, wäre er wohl ein Allrad-Diesel-Jeep. Er schwimmt ohne zu murren durch Flüsse, erklimmt steile Anhöhen auf losem Gestein. Selbst bei einem blutigen Anfänger wie mir reagiert er auf jeden Ruck an den Zügeln. Nach fünf Stunden im Sattel steigen wir O-beinig wie Lucky Luke aus dem Sattel. Tara gibt den Pferden Karotten und Trockenfutter. Splash haut ordentlich rein und verfällt sofort wieder in den standby-Modus. Yeah, im nächsten Leben wollen wir gefälligst alle als Cowboys wiedergeboren werden.

Outdoor Activities

Wir machen einen gewaltigen Satz nach Moab, der Nummer eins Utahs in Sachen „Outdoor Activities“. In den überhängenden Granitwällen tummeln sich Extremkletterer. Auf den furchteinflößenden Schaumkronen des Colorado River tänzeln Kajaks und Schlauchboote, Mountainbiker schwirren kreuz und quer durch die Stadt. Vor den Toren der Stadt befinden sich mit dem Arches und Canyonlands zwei der schönsten Nationalparks der Vereinigten Staaten. Im Arches warten Sandsteinbögen in geradezu inflationärer Anhäufung. Genial - die meisten Highlights lassen sich aus dem Sattel besichtigen, wie z.B. den Balanced Rock, der wie ein gigantischer Glockenschlegel verkehrt herum in den Dünen steckt. Ein vier Kilometer langer Abstecher zur sogenannten „Fenster-Sektion“ windet sich zunächst in eine Senke hinab, direkt am Garten Eden entlang. Der Name ist kein bisschen übertrieben. Im tiefstehenden Abendlicht wirkt die Ansammlung aus glühendroten Felstürmen wahrlich paradiesisch. Am Ende führt eine kurze Wanderung zum Turret Arch und den Fensterfelsen. Durch die beiden „Window-Arches“ reicht der Blick zu den über 3000 Meter hohen, schneebedeckten Gipfeln der Manti La Sal Mountains.
Gleich vis-a-vis des Arches, nur einen Katzensprung auf dem Highway 191 nördlich und dann links ab, klettert eine Straße hoch in den Canyonlands Nationalpark zum „Island in the Sky“ – der Insel im Himmel. Der Asphaltstreifen schwimmt auf einem Hochplateau und verfolgt den Colorado River, der sich in langgezogenen Mäandern, sogenannten „Goosenecks“ (auf deutsch: Gänsehälse) mehrere hundert Meter tief durch die Felsen wühlt. Auch hier gibt es zahlreiche Sandsteinbögen und großartige Felsformationen en masse. Einer der Felstische wurde durch die Verfilmung des Damen-Road-Movies „Thelma & Louise“ berühmt. Jeder kennt die Schlussszene, wo Susan Sarandon und Geena Davis im gestohlenen Wagen mit Vollgas über die Klippe in den sicheren Tod springen. Nach getanem Job treffen sich Wanderer, Biker und Bootsfahrer übrigens bei Milt’s Stop&Eat. Dort werden seit 1954 Burger von Hand mit den Wunschzutaten belegt und frisch zubereitet. Unser absoluter Favorit: der Double-Chilli-Cheese-Burger: er passt zwar kaum zwischen die Zähne, aber dafür kann man auch getrost auf die Pommes Frites verzichten. Wer danach tatsächlich noch freie Hohlräume in der Magengrube vorfindet, kann diese mit frisch gemachten Milchshakes verdichten. Die Besitzerin von Milt’s war übrigens lange im Leichtathletik-Nationalteam der USA. Die deftigen Burger und Shakes schmecken nicht nur zum Finger abschlecken, sondern haben scheinbar auch die richtige Energie!

 

Von Gottes Hand zersägt

Wir kurven weiter südwärts. Schon beim ersten Anblick des Monument Valley dudelt eine Endlosschleife mit Westernmelodien in unseren Gehirnen. Die tiefroten Sanddünen und die mustergültigen Plateauberge kennt jedes Kind aus zahllosen Westernklassikern und Werbespots. Schon in den 30er Jahren ritten hier Hollywoods unrasierte Haudegen über die Prärie und manifestierten damit ein weltweit völlig verquertes Indianerbild. Seit 1958 gehören die Stammesgebiete wieder den Navajos. Mit einem 4x4 Pickup organisieren sie Rundtouren durch die wohl berühmteste Filmkulisse der Welt.
Ein radikaler Westschwenk durch die Navajo Tribal Lands über Kayenta und Kaibito bringt uns nach Page, das bereits in Arizona liegt. Ein Navajo-Guide mit Bluetooth-Ohrstöpsel und cooler Sonnenbrille driftet uns durch den glutheißen Wüstensand zur nächsten Sensation - dem Antelope Canyon. Das schmale Felsenlabyrinth wirkt, als hätte der liebe Gott mit der Handkreissäge das Felsplateau entzwei gesägt. Im steilen Mittagslicht entsteht in den Korkenzieher-ähnlichen Gängen ein unfassbares, fast schon psychedelisches Farbenspiel.
Zurück in Page gönnen wir den Beinen eine Pause und organisieren uns im Glen Canyon Resort ein Kanu. Vom schwimmenden Ponton der Wahweap Marina paddeln wir über den Lake Powell zum monumentalen Castle Rock. Der Glen Canyon-Damm, welcher in Page die Wassermassen des Colorado aufstaut, hat eine fantastische Wasserwelt geschaffen. Auf dem Highway 89 cruisen wir zurück nach Utah. Im seidenweichen Abendlicht kurbeln wir ein letztes Mal durch das rosarote Felsenmärchen des Zion Nationalparks. Was für die Mormonen einst ein harter Prüfstein war, ist für Rennradfahrer die pure Erfüllung! ---------------------------------------------------------------------------------------------------

Allgemeine Informationen


Infos: www.utah.travel, www.goutah.de
Gratis Karten und Prospekte verschickt: Utah Office of Tourism, c/o Get It Across Marketing & PR, Neumarkt 33, 50667 Köln, Fon:  0221-233 64 06, Fax:  0221-233 64 50, utah@getitacross.de
Flug: www.united.com ,www.lufthansa.com, am besten direkt per Linienflug nach Las Vegas. Salt Lake City, die Hauptstadt Utahs liegt zwar näher an Moab, dafür aber abseits der touristisch interessanten Knotenpunkte.
Anreise: www.united.com , www.lufthansa.com, am besten direkt nach Las Vegas. Salt Lake City, die Hauptstadt Utahs, liegt abseits der touristisch interessanten Knotenpunkte.
Mietauto in Las Vegas: am besten schon von zu Hause aus buchen, www.sunnycars.de
Beste Reisezeit: Mai, Juni und September, Oktober. In den Sommermonaten wird es in den Wüsten brüllend heiß.
Übernachtung: Günstige Motels und Hostels gibt es überall, das DZ ab 30.- $. Las Vegas wird zum Wochenende hin immer erheblich teurer. Wir haben unter der Woche für drei Nächte im DZ/Frühstück im Hooters gerade mal 83.- $ bezahlt. www.hooterscasinohotel.com  
Veranstalter: www.valhallatours.de bietet eine ähnliche Rundtour an.
Tipp: Sämtliche Parks verfügen über hervorragend koordinierte Visitor Centers.
Reiten im Capitol Reef: www.ridethereef.com
Sämtliche Outdooraktivitäten in Moab: www.discovermoab.com
Bester Burger auf der gesamten Tour: www.miltsstopandeat.com in Moab, legendär!
Bootstouren auf dem Lake Powell: www.lakepowell.com
Antelope Canyon: www.antelopecanyon.com
Literatur/Karten: Der ADAC hat kommentierte, übersichtliche Straßenkarten für die grobe Urlaubsplanung (für Mitglieder umsonst). Straßenkarten gibt es bei Visitor Centers umsonst. Zu den Trails gibt es vor Ort eine Riesenauswahl in den Bikeshops. Reiseführer (engl.): Aus der Reihe „Lonely Planet“, Southwest - Arizona, New Mexico, Utah; dicker Schinken mit erstklassigen Infos. In Deutsch: Stefan Loose Verlag, Südwesten USA, Reise Know-How, Durch den Westen der USA ---------------------------------------------------------------------------------------------------